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Full text of "Der indische Gedanke : Von den Elementen der menschlichen Grösse"

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RUDOEF  KÄSS>JER 

DER,  INDI SOIE  GEDANKE 


Zweite    Auflage 


DER  INDISCHE  GEDANKE 


VON  DEN  ELEMENTEN  DER 
MENSCHLICHEN   GRÖSSE 

VON 

RUDOLF  KASSNER 


Im    Insel-Verlag  •   Leipzig   1921 


DER  INDISCHE  GEDANKE 

('9"3) 


GESCHICHTE 

ES  ist  bedeutsam,  daß  der  Glaube  an  eine 
Seelenwanderung  in  den  ältesten  Denkmälern 
indischer  Schrift  nicht  bezeugt  ist  und  erst  auf- 
lebt, da  das  indische  Volk,  den  Mythos  verlassend, 
hätte  Geschichte  bilden  können.  Nun  liegt  es  im 
Wesen  dieses  Glaubens,  daß  er  alle  Geschichte 
auflöst.  Geschichte  heißt,  daß  das  Geschehen  aus 
dem  Menschen  heraustrete  und  allgemein  werde, 
und  Geschichte  ist  insofern  Ergebnis  und  Aus- 
druck der  —  um  ein  Wort  Jakob  Burckhardts  zu 
gebrauchen  —  plastischen  Kraft  im  Menschen.  Der 
tiefe  Sinn  der  Seelenwanderung  liegt  dagegen  darin, 
daß  alles  Geschehen  des  Menschen  der  Mensch 
und  solches  vom  Menschen  nicht  zu  trennen 
sei  und  ewig  und  allein  in  ihm  selber  verlaufe. 
Dieser  Glaube  an  die  Seelenwanderung  und  jene 
plastische  Kraft,  die  in  einziger  Weise  dem  Men- 
schen der  Renaissance  eignete,  als  welcher  wie 
kein  anderer  Geschichte  lebte  und  Anfang  und 
Ende  in  sich  selber  hatte  und  sich  das  Objekt  in 
fast  gottloser  Weise  übertrieb,  ich  sage,  dieser 
Glaube  an  die  Seelenwanderung  und  jene  plasti- 
sche Kraft  im  Menschen  schließen  einander  aus,  so 
daß  sich  das  indische  Volk,  indem  es  sich  zu  dem 


einen  bekannte,  des  anderen  völlig  und  für  immer 
begeben  mußte.  Der  Glaube  an  die  Seelenwande- 
rung bedeutet  eine  heroische  Innigkeit,  wenn  ich 
so  sagen  darf,  ein  ganz  allgemeines,  volkstüm- 
liches Verzichten  auf  das  Objekt,  ein  Dichtwerden 
des  Menschen  nach  innen  zu. 
Was  wir  Menschen  Europas  Persönlichkeit  zu 
nennen  übereingekommen  sind,  ist  niemals  ohne 
Gegenstand,  ist  an  die  Tat  gebunden,  verantwort- 
lich, kämpfend.  Persönlichkeit  ist  in  der  Zeit  und 
also  nicht  ohne  Zweifel  und  Widerspruch,  und 
sie  ist  allemal  erst  gegen  die  Vernunft  vernünftig. 
Die  Vernunft  des  Inders  ist  nicht  unsere,  sie  ist 
fließend,  sie  ist  jener  Glaube  an  die  Seelenwande- 
rung, und  Persönlichkeit  ist  hier  die  Kaste.  Das 
heißt:  Kaste  steht  zur  Seelenwanderung  wie  die 
Persönlichkeit  zur  Vernunft:  im  selben  Verhältnis. 
Kaste  ist  also  durchaus  kein  politischer  Begriff 
im  abendländischen  Sinne  des  Wortes  und  soll 
niemals  mit  den  Ständen  und  Innungen  des  Mittel- 
alters oder  mit  dem,  was  der  Sprachgebrauch  heute 
noch  bei  uns  Kaste  nennt,  verglichen  werden. 
Kaste  in  Indien  ist  ursprünglich,  Kaste  ist  innere 
Form  und  vom  Menschen  ebensowenig  wegzuden- 
ken wie  dessen  Haut.  Nur  der  Heilige  steht  über 
der  Kaste  und  wird  nicht  mehr  wiedergeboren. 


Ich  will  andeuten,  was  auszuführen  hier  nicht  am 
Platze  ist:  Persönlichkeit  ist  ganz  zuletzt,  im  letz- 
ten Augenblicke  gleichsam,  noch  bevor  sie  sich 
aufgibt,  Humor,  oder  auch:  Humor  ist  die  letzte 
Möglichkeit  der  Persönlichkeit.  Mit  dem  Humor 
tritt  die  Persönlichkeit  aus  der  Geschichte  heraus 
und  vor  sich  selber  hin.  Diesen  Humor  hat  der 
Inder  nicht,  diesen  Humor  hat  er  —  wenn  er  ihn 
je  besessen  —  an  ebenden  Glauben  an  die  Seelen- 
wanderung verloren.  Sternes  Tristram  Shandy 
ist  in  gewissem  Sinne  der  vollkommenste  Ausdruck 
des  europäischen  Humors;  der  Roman  handelt  von 
der  Geschichte  des  Helden  vor  dessen  Geburt  oder 
davon,  daß  der  Mensch  eine  ebenso  lange  Ge- 
schichte vor  wie  nach  der  Geburt  habe,  und  ist 
somit  die  denkbar  unindischeste  Auffassung  vom 
Menschen.  Und  dieser  dennoch  verwandt,  geheim- 
nisvoll, vom  Geiste  aus. 

Geschichte  ist  die  Frage  nach  den  Urhebern  und 
den  Beginnenden,  und  dem  Inder  ist  an  Originali- 
tät in  unserem  Sinne  nichts  gelegen,  ja  Originali- 
tät muß  für  ihn  etwas  Groteskes  haben  und  der 
eigentliche  Ausdruck  davon  sein.  Kaste  ist  mehr 
als  Originalität  und  nimmt  diese  vorweg.  Jener 
Kampf  zwischen  Ursprünglichkeit  und  Erfahrung, 
den  im  Abendlande  die  Persönlichkeit  stets  von 


neuem  zu  bestehen  hat,  ist  in  Indien  von  Anbe- 
ginn an  in  der  Kaste  entschieden  und  ausgetragen. 
Originell  ist  streng  genommen  nur  der  Kasten- 
lose, der  Ungeweihte,  der  Paria,  als  welcher 
außerhalb  der  Ordnung  steht.  Originell  ist  auch 
der  Schauspieler,  der  Gaukler,  der  Lügner. 
Die  moderne  Demokratie,  die  keine  Kasten  aner- 
kennt, ist  gezwungen,  den  Schauspieler  zu  über- 
schätzen, so  daß  sie  oft  alle  Mühe  hat,  ihn  von 
der  Persönlichkeit  zu  unterscheiden.  Daher  jener 
Mangel  an  Gegenwart,  welcher  den  modernen  Men- 
schen kennzeichnet.  DerSchauspieler  ist  stets  ohne 
Gegenwart,  und  die  Kaste  hat  es  zu  allen  Zeiten 
verstanden,  dem  Menschen  Gegenwart  zu  verleihen 
oder,  wenn  auch  nicht  Gegenwart,  da  diese  ein 
Attribut  der  Götter  zu  sein  scheint,  so  doch  Maß. 
Man  kann  auch  sagen,  daß  nur  der  Tätige,  der 
Verantwortliche  originell,  zu  Beginn  originell,  und 
es  darum  unsinnig  sei,  von  einer  Originalität  des 
Leidenden  zu  sprechen.  Der  Leidende  ist  erst  am 
Ende  originell,  da  er  das  Leiden  überwunden  hat, 
und  dieser  Originelle  ist  dann  der  Heilige,  der 
Erlöste,  der  andere  Kastenlose,  er,  der  nicht  aus 
der  Heimat  kommt  gleich  den  anderen,  sondern 
diese  sucht  und  am  Ende  in  sie  durch  den  Tod 
eingeht. 

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Der  Seiende  ist  ursprünglich.  Mit  anderen  Worten : 
die  Originalität  des  Inders  ist  mythisch  und  nicht 
persönlich.  Der  forschende,  suchende  Mensch  Eu- 
ropas neigt  dazu,  Originalität  im  Einzelnen,  im 
Besonderen,  im  Anderen,  im  Unbekannten,  im 
Fortschritt  sowohl  wie  auch  im  Verkehrten  zu 
suchen,  während  der  Inder  sie  einzig  im  Göttlichen, 
im  Ursprung,  im  Sein,  ja  so  sehr  im  Unpersön- 
lichen weiß,  daß  man  von  ihm  sagen  muß,  er  sei 
originell  von  dem  Augenblick  an,  da  er  es  nicht 
mehr  ist,  welches  tiefe  Paradox  auf  ewig  die  Per- 
sönlichkeit vom  Schauspieler  unterscheidet.  ^ 
Der  Inder  ist  religiös,  und  das  will  sagen:  er  ist 
nicht  ,, interessant".  Er  ist  von  Anbeginn  an  da 
und  also  ohne  Angst,  wohingegen  der  ,, inter- 
essante" Mensch  seinen  Ursprung  verloren  hat 
und  nun  inmitten  eines  Walles  von  Angst  lebt 
und  gar  nicht  anders  als  so  geängstigt  leben  kann. 
Nichts  ist  dem  Inder  fremder  als  das,  was  wir 
Romantik  nennen,  wenn  auch  die  Romantiker,  zu- 
mal in  Deutschland,  das  Gegenteil  für  wahr  ge- 
halten haben  und  der  Ansicht  waren,  der  indische 
Geist  sei  die  Quelle  des  romantischen.  Es  kenn- 
zeichnet den  Romantiker,  den  „interessanten" 
Menschen,  und  er  lebt  davon,  daß  er  zwischen 
dem  Persönlichen  und  Unpersönlichen  nicht  rich- 

1 1 


tig  scheidet,  daß  er  stets  die  Grenze  zugunsten 
des  einen  oder  des  anderen  verschiebt,  daß  er  — 
kurz  —  auf  keine  Weise  ohne  Situation  zu  exi- 
stierenvermag. (Der  antike  Mensch  setzt  in  großer 
Art  zwischen  das  PersönHche  und  Unpersönhche 
die  Zeit,  und  die  Zahl  und  das  Maß,  so  daß  seine 
Taten  im  Gesetze  sowohl  Ziel  wie  Dauer  finden.) 
Der  Inder  hat  nun  das  einzige  Streben,  die  Situa- 
tion zu  streichen  und  also  die  Gleichung  zwischen 
dem  Persönlichen  und  Unpersönlichen  aufzulösen. 
Und  das  ist  weder  Romantik  noch  Klassizismus, 
das  ist  religiöses  Dasein,  Dasein  vom  Anbeginn 
an.  Und  darum,  weil  es  sozusagen  ein  Dasein 
a  priori  ist,  gleicht  das  Leben  des  Inders  so  sehr 
einem  Kult,  und  darum  ist  seine  Situation  immer 
das  Gegenteil  einer  romantischen,  ist  sie  eine  Zere- 
monie, und  so  vermag  er  zu  leben,  ohne  immer 
von  neuem  zum  Leben  gereizt  werden  zu  müssen, 
eben  aus  dem  Ursprung,  vom  Anbeginn  an.  Der 
Mensch  Europas  muß  stets  von  neuem  zum  Leben 
gereizt  werden  mit  dem  Anderen,  dem  Fremden, 
dem  Unbekannten,  und  es  müssen  ihm  immer  wie- 
der Fragen  gestellt  werden,  die  er  nicht  beant- 
worten, und  Taten  auferlegt  werden,  die  er  nicht 
leisten  kann.  Die  höchsten  Vertreter  europäischen 
Menschentums,  Faust,  Hamlet,  Don  Quixote,  sind 

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solche  von  Gott  stets  von  neuem  zum  Leben  Ge- 
reizte, von  Gott  Überanstrengte,  Versuchte,  und 
derAugenbhck  ist  von  größter,  einziger  Bedeutung 
in  ihrem  Leben,  ja  allein  die  Überwindung  der 
Geschichte  oder,  wenn  man  will,  die  Geschichte 
der  großen,  der  göttlichen  Menschen.^ 
Der  Inder  lebt  von  Anfang  an  wie  unter  einem 
Befehl,  einem  Auftrag,  einem  Schicksal,  ununter- 
brochen, und  der  Freie,  der  Heilige  ist  erst  am 
Ende  der  Bestimmung  da,  und  also  ist,  was  für 
unseren  Menschen  des  Augenblicks,  der  göttlichen 
Unterbrechungen  das  Drama  ist,  für  den  Inder 
von  jeher  das  Opfer  gewesen. 


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DIE  KUNST 

GOETHE  schrak  vor  dem,  was  er  die  Fratzen- 
haftigkeit  der  indischen  Mythologie  nannte, 
zurück  und  wunderte  sich,  wie  es  möghch  wäre, 
daß  hinter  so  viel  Unsinn  ein  so  tiefer  Sinn 
stecken  könnte.  Goethe  empfand  hier  durchaus 
wie  sein  Jahrhundert:  griechisch-rationalistisch, 
das  heißt:  er  sah  nicht,  wie  der  Inder  nur  aus 
dieser  Fratzenhaftigkeit  zu  dem  Namen-  und  Ge- 
staltlosen, als  welches  er  die  Gottheit,  das  Brah- 
man,  verehrte,  gelangen,  wie  nur  ein  so  Vielfaches 
und  Ungeheueres,  als  welches  sich  die  indische 
Götterwelt  darstellt,  zugleich  Symbol  des  Einen 
sein  konnte. 

Dem  Inder  war  und  ist  noch  heute  die  tiefste 
Scheu  angeboren,  er  könnte  wirklich  Gestalt  ver- 
ehren, Gestalt  für  etwas  Bleibendes  nehmen,  er 
könnte  sich  vor  dem  Ende  ein  Ende  und  vor  dem 
Ziel  ein  Ziel  setzen.^  Der  Inder  ist  nicht  Anthro- 
pomorphist,  und  die  Götter  mit  sechs  Armen  und 
drei  Köpfen,  diese  Mischungen  und  Verknotungen 
von  Menschen-  und  Tierleibern  sind  nichts  anderes 
als  der  Ausdruck  seiner  anti-anthropomorphischen 
Weltanschauung,  als  der  Ausdruck  davon,  daß 
der  Mensch  nicht  die  Mitte,  sondern  wie  alles  Ge- 

H 


staltete  unvollkommen,  flüchtig,  verworren,  leid- 
voll und  endlos  sei. 

Die  anthropomorphischeWeltanschauung  desGrie- 
chen ist  die  des  Kriegers,  als  welcher  die  Welt 
nur  so  begreifen  kann,  daß  er  sich  in  deren  Mitte 
setzt.  Und  so  als  Krieger  war  der  Grieche  Dua- 
list, denn  Dualismus  ist  die  Weltanschauung  des 
Kriegers  im  weitesten  und  erhabensten,  im  ewigen 
Sinne  und  als  solche  unüberwindlich  und  durch- 
aus nicht  vom  Monismus  unserer  Tage,  diesem 
deutlichen  Hirngespinst  leererTheologen  und  völlig 
geistloser  Naturforscher,  zu  widerlegen.  Nur  der 
Inder  ist,  indem  er  die  Weltanschauung  des  Krie- 
gers sich  zu  eigen  zu  machen,  wie  ein  Krieger  zu 
sehen  völlig  ohnmächtig  ist,  der  einzig  wahre, 
der  geborene  Monist,  seine  Weltanschauung  ist 
die  des  Sehers,  das  heißt  hier:  des  vollkommen 
wehrlosen,  des  preisgegebenen,  des  leidenden 
Menschen. 

Der  Seher  erfährt  das  Leiden  anders  als  der  Krie- 
ger. Für  diesen  ist  der  leidende  Mensch  ein  feh- 
lender, ein  beraubter,  ein  geschundener  wie  Mar- 
syas,  für  den  Inder  ist  es  der  nackte,  der  wehr- 
lose, der  ergriffene.  Zwischen  Tat  und  Leiden 
liegt  für  den  Griechen  die  Vollkommenheit,  die 
ein  Gesetz  und  kein  Vergleich  ist,  für  den  Inder 

»5 


ist  die  Tat  ein  Leiden  und  umgekehrt,  und  der 
Schuldige  darf  nicht  richten,  und  schuldig  ist  alles, 
was  Gestalt  und  Ende  hat. 
Der  Grieche  war  Rechner  und  Dialektiker,  und  so 
konnte  er  ohne  Nullpunkt  nicht  operieren.  Das 
Geheimnis  der  indischen  Rechenkunst  und  Dia- 
lektik ist,  daß  sie  ohne  Nullpunkt  operiert,  oder 
daß  sie  diesen  nicht  in  die  Mitte  zwischen  Kalt  und 
Warm,  sondern  nirgendhin  setzt.  Darum  ist  für 
den  Inder  die  Freude  Betrübnis,  die  Tat  Leiden, 
der  Mörder  der  Gemordete  und  umgekehrt.* 
DieOperation  mit  dem  Nullpunkt,  wenn  man  diesen 
Ausdruck  so  versteht,  wie  ich  ihn  hier  verstanden 
haben  will,  ist  anthropomorphische  Anschauung, 
die  ohne  diesen  die  Anschauung  des  Heiligen. 
Der  Heilige  hat  es  eben  gelernt,  ganz  und  gar 
ohne  Wage  da  zu  sein  und  also  in  seinen 
Gesichten  zu  leben.  Die  anderen  Menschen  alle 
haben  ihn  irgendwie  in  sich,  den  toten  Punkt,  sie 
können  ohne  ihn  nicht  leben,  sie  vermögen  nicht 
zu  leben  ohne  Entscheidung,  ohne  Unterschiede, 
ohne  Begriffe.  Heilig  werden  bedeutet  also  diesen 
Punkt,  bedeutet  den  Tod  in  sich  vernichten,  be- 
deutet ohne  Tod  leben. 

Der  Nullpunkt  ist  für  den  Inder,  für  den  Seher  der 
Tod.   Wer  diesen  vernichtet,  kann  keinen  Unter- 

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schied  machen  mehr  zwischen  dem  Mörder  und 
dem  Gemordeten.  Nur  wen  der  Tod  beherrscht, 
nur  der  Krieger  muß  wählen,  und  so  ist  dieser 
stets  entweder  der  Mörder  oder  der  Gemordete. 
Der  Grieche  sagte:  der  Mensch  ist  das  Maß  der 
Dinge.  Der  Spiegel  nun  dieses  Menschen  der  Mitte 
ist  die  Kunst,  und  nur  in  ihr  vermochte  sich  der 
Grieche  wiederzufinden  und  dieWelt  zu  erschöpfen. 
Der  Inder  sagt  nicht:  der  Mensch  ist  das  Maß  der 
Dinge,  vielmehr  heißt  es  in  der  Brihadaranya- 
kam  Upanishad:  ,, Dieses  ist  meine  Seele:  im  inne- 
ren Herzen  kleiner  als  ein  Reiskorn  oder  Gerste- 
korn oder  Senfkorn  oder  Hirsekorn  oder  Hirse- 
kornes Kern.  Dieses  ist  meine  Seele:  im  inneren 
Herzen  größer  als  die  Erde,  größer  als  der  Luft- 
raum, größer  als  der  Himmel,  größer  als  die 
Welten."  Eine  solche  Erkenntnis  muß  jede  Kunst 
überflüssig  und  zufällig  machen. 
Und  doch  ist  die  indische  Kunst,  die  Skulpturen 
in  den  Tempelhöhlen  von  Ellora,  noch  mehr  die 
Architektur  von  Madura,  Tanjor,  welche  die  Schul- 
meister Europas  gerne  mit  dem  so  leeren  BegriflF 
der  Maßlosigkeit  abtun  möchten,  aus  ihr  genau  so 
abzuleiten  wie  die  Parthenonskulpturen  und  die 
Architektur  des  Tempels  von  Paestum  aus  dem 
Satze:  der  Mensch  ist  das  Maß  der  Dinge.  Ich  will 

17 


damit  sagen,  daß  sich  auf  dem  Grunde  der  indischen 
Kunst  stets  diese  in  dem  alten  Upanishadverse 
ausgesprochene  Identifikation  des  Allergrößten  und 
Allerkleinsten  findet,  was  die  indische  Kunst  im 
tiefsten  Sinne  zu  einer  exzentrischen  macht. 
Wer  nachforscht,  wird  sehen,  daß  darin,  in  eben- 
dieser  Identifikation  des  Allergrößten  mit  dem  Alier- 
kleinsten,  das  Wesen  jeder  exzentrischen  Kunst 
liege,  ob  es  sich  nun  um  die  Anschauung  eines 
ganzen  Volkes  oder  um  die  Laune,  den  Witz,  die 
Bewegung  eines  Abgesonderten,  aus  der  Mitte 
Herausgestoßenen,  um  den  Tanz  eines  Eccentric 
handle.  Im  ersten  Falle  ist  die  Szene  eine  voll- 
kommen spiritualistische,  nur  der  Geist  ist  wirklich, 
im  zweiten  eine  rein  materialistische,  mechanische 
Welt,  eine  Welt  ohne  Spiegel.^  Auch  der  Gegensatz 
des  Inders,  der  mechanistische  Mensch,  der  Mensch 
mit  dem  Glauben  an  den  Erfolg,  der  Amerikaner 
ist  gezwungen,  dort,  wo  er  nicht  arbeitet,  ein  Glied 
unter  vielen  ist  und  das  Nächste  zum  Nächsten 
fügt,  exzentrisch  zu  sein  und  das  Allergrößte 
dem  Allerkleinsten  gleichzusetzen,  um  Maß  zu 
haben  oder  vielmehr:  um  nicht  im  Augenblick  ver- 
nichtet zu  werden.  Denn  wie  es  sich  dem  Inder,  dem 
reinen  Spiritualisten,  immer  um  das  Sein  handelt, 
darum,  daß  er  im  großen  Sein  aufgenommen  und 

i8 


also  nicht  vernichtet  werde,  so  handelt  es  sich 
dem  Bekenner  einer  mechanistischen  Theorie,  so 
handelt  es  sich  dem  Eccentric  darum,  im  Augen- 
blicke, jetzt  noch  da  zu  sein  und  nicht  plötzlich 
aufzuhören,  nicht  zerdrückt  und  zermalmt  zu 
werden.  Beide, der  Spiritualist  sowie  derMaterialist, 
können  im  tiefsten  Sinne  des  Wortes  keine  Künst- 
ler sein. 

,,Der  Mensch  ist  das  Maß  der  Dinge''  —  in  diesem 
Satze  ist  auch  die  für  den  Griechen  und  die  Erben 
des  griechischen  Gedankens  bezeichnende  Aner- 
kennungund  Billigung  des  Objektes  ausgesprochen, 
und  der  Satz  sagt  weiter,  daß  Subjekt  und  Objekt 
nur  durch  das  Maß  zu  einen  sind  und  auf  keine 
andere  Weise,  worin  ja  die  große  Bedeutung  des 
Künstlers  in  Europa  seit  jeher  gelegen  ist.  Die 
große  Angelegenheit  des  Inders  ist  die  Vernichtung 
des  Objektes,  und  daraus  ist  ganz  und  gar  das 
Willkürliche  und  Maßlose  sowie  auch  der  fehlende 
Sinn  für  das  Material  in  der  indischen  Kunst  zu 
erklären. 

Die  erhabene  Einheit  von  Dichtung  und  Leben 
durch  das  Maß,  wie  diese  sich  in  den  großen  Dicht- 
werken des  Abendlandes  ausspricht,  in  Homer,  in 
Dante,  in  Shakespeare,  in  Goethe,  ist  nur  dort 
möglich,  wo  in  Wirklichkeit  Leben  und  Dichtung 

19 


getrennt  sind,  da  nur  Getrenntes  durch  das  Maß 
geeint  werden  kann.  In  der  indischen  Welt  sind 
das  Leben  und  die  Dichtkunst  ineinander,  es  ist 
keine  Grenze  da  zwischen  beiden.  Vielleicht  liegt 
die  unserem  Sinne  nächste  Dichtung  der  Inder  in 
den  Legenden,  als  welche  im  Grunde  nur  eines  dar- 
stellen und  behaupten:  die  ursprüngliche  Einheit 
von  Dichtung  und  Leben.  Hier  ist  das  Objekt  nicht 
so  sehr  vernichtet  wie  von  Anfang  an  geeint  mit 
dem  Subjekt.  In  Homer  ist  zwischen  den  Göttern 
und  Helden  und  Tieren  und  Flüssen  das  Maß, 
einigend  und  zugleich  trennend;  in  den  indischen 
Legenden  sind  der  Heilige,  die  Schlange,  der  Hase, 
der  Tiger,  der  Salabaum  einen  Leibes,  und  Maß 
ist  hier  das  Wunder,  das  entsteht,  und  Maß  ist, 
daß  ein  Wesen  aus  dem  anderen,  Menschen  aus 
Tieren  werden  und  Menschen  in  Tieren  sterben. 
Die  indische  Kunst  läßt  sich  auch  daraus  verstehen, 
daß  dem  Inder  die  Vorstellung  der  Chimäre  durch- 
aus fremd  ist,  oder  besser:  daß  der  Inder  die  Chi- 
märe nicht  ausschließen  will  und  darf  aus  dem 
Reiche  der  Formen  und  Gestalten,  daß  vielmehr 
die  Chimäre  ganz  drinnen  ist  im  endlosen  Werden, 
in  der  unentwirrbaren  Verknotung  und  Verstrik- 
kung  der  Wesen,  daß  sie  stets  mitgeboren  wird. 
Sie  ist  unsichtbar,  und  nur  wer  Wesen  von  Wesen, 

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Art  von  Art  zu  trennen  versuchte,  der  würde  dann 
nicht  das  Maß,  der  würde  die  Chimäre  verletzen 
und  aufreißen,  und  es  würde  aus  ihr  bluten. 
Die  Chimäre  ist  im  Werden  enthalten  wie  die 
Schamlosigkeit  in  der  Scham,  und  niemand  vermag 
diese  von  jener  zu  trennen  außer  dem  Heiligen,  als 
welcher  einzig  sich  von  der  Chimäre  befreit  hat 
und  Wesen  von  Wesen  und  Glied  von  Glied  zu 
lösen  begabt  ist. 


2[ 


DAS  OPFER 

(VON  DER  MENSCHLICHEN  TIEFE)' 

DER  Inder  stellte  anders  als  der  Jude,  und 
nach  diesem  das  ganze  Abendland,  die  Frage 
nach  dem  Anfang  und  Ende  der  Dinge,  denn  der 
Jude  wollte  wissen  und  handeln.  Der  Inder  will 
sein,  und  so  weiß  er,  daß  Anfang  und  Ende  im 
bewegten  Dasein  eingeschlossen  und  in  jedem 
Augenblicke  da  seien,  und  so  vermag  er  sich  nicht 
zu  isolieren,  und  der  Ausdruck  seiner  Zusammen- 
gehörigkeit mit  dem  Dasein,  ja  seiner  Einheit  mit 
sich  selber  ist  das  Opfer. 

Die  Tat  ist  Tat  und  das  Wissen  Wissen,  so  An- 
fang und  Ende  auseinanderliegen  und  der  Mensch 
sich  zwischen  Anfang  und  Ende  behaupten  oder 
vom  Anfang  bis  zum  Ende  fortschreiten  will.  Um 
des  Opfers  willen  jedoch  sind  Anfang  und  Ende 
ineinander.  Der  Opfernde  hat  keine  Geschichte, 
der  Opfernde  ist  ewig. 

Der  Jude  war  gehorsam  um  des  Anfangs  und  des 
Endes  willen,  der  Inder  opfert  um  der  Schöpfung 
willen.  Man  muß  sagen,  daß  ersieh  im  Opfer  wieder- 
gebiert, daß  er  im  Opfer  noch  einmal  da  ist.  Man 
darf  also  nicht  sagen,  daß  er  durch  das  Opfer  dem 
Irrtum  entgehen  wolle,  daß  der  Opfernde  fliehe. 

22 


Das  Opfer  ist  eitel,  das  Opfer  ist  stets  zu  viel 
oder  zu  wenig,  so  der  Mensch  sich  ein  Ziel  außer- 
halb von  sich  selber,  im  ganz  Bestimmten  setzt. 
Das  Opfer  ist  unbegreiflich  für  den  Menschen,  der 
sich  teilt.  Und  darum  wollte  Jehova  den  Gehor- 
sam und  nicht  das  Opfer,  denn  er  wollte,  daß  der 
Knecht  Knecht  und  der  Herr  Herr  bleibe.  Der 
letzte,  tiefste  Sinn  des  Opfers  ist,  daß  der  Knecht 
zum  Herren  und  der  Herr  zum  Knechte  werde. 
Und  das  war  der  Sinn  des  Opfers  der  Inder,  daß 
sich  hier  im  Opfer  die  großen  Gegensätze  ver- 
gleichen, daß  durch  das  Opfer  die  Tat  Leiden  und 
das  Leiden  Tat  werde,  daß  dort  Einheit  herrsche, 
wo  der  Eingeschränkte,  der  Gehorsame  unter- 
scheiden muß. 

Das  Opfer  ist  die  sublimste  und  zugleich  entschie- 
denste Art,  das  Objekt-zu  vernichten.  Der  Gehor- 
same leidet  ja  stets  am  Objekt  und  ist  gezwungen, 
um  nicht  lächerlich  zu  werden,  das  Objekt  zu 
übertreiben.  Der  Opfernde  hingegen  fühlt  sich  in 
jedem  Augenblicke  als  Objekt  und  Subjekt  zu- 
gleich, und  so  vermag  er  nur  an  sich  selber  zu 
leiden.  Er  ist  sich  sowohl  Fülle  wie  Mangel,  und 
er  handelt  sein  Leiden  und  leidet  sein  Handeln. 
Der  Gehorsame  ist  sehnsüchtig,  der  Opfernde  rei- 
nen Willens,  und  wir  sollen  den  reinen  Willen 

23 


mit  der  Sehnsucht  ebensowenig  verwechseln  wie 
den  Opfernden  mit  dem  Gehorsamen.  Der  reine 
Wille  ist  schöpferisch,  man  stelle  sich,  wie  man 
wolle,  das  heißt:  es  ist  lächerlich,  noch  zu  fragen, 
ob  dem  das  auch  zuteil  geworden  sei,  was  er  ge- 
wollt habe,  so  sein  Wille  rein  war. 
Der  Opfernde  ist  nicht  das  Maß  der  Dinge  —  das 
ist  wohl  die  tiefste  Lehre,  die  wir  vom  Opfernden 
zu  empfangen  vermögen.  Indem  der  Inder  opfert, 
lehrt  er  uns  nichts  anderes,  als  daß  der  Mensch 
im  Zusammenhange  mit  dem  Ganzen  und  darum 
unerschöpflich,  daß  also  für  ihn  Fülle  Entbehrung 
und  Entbehrung  Fülle  sei,  was  zu  begreifen  einem 
Menschen  schwer  fallen  muß,  dem  von  Jugend  an 
gelehrt  wurde,  daß  der  Mensch  das  Maß  der 
Dinge  sei. 

Der  Inder  hat  keine  Tragödie,  vielmehr  ist  sein 
Tragisches  ganz  und  gar  im  Opfer  enthalten.  Die 
Tragödie  ist  unmöglich  ohne  den  Begriff  vom 
Menschen  als  dem  Maße  der  Dinge,  ohne  den  Be- 
griff der  Persönlichkeit.  Die  griechische  Tragödie 
ist  darum  von  ewiger  Bedeutung,  weil  der  Mensch 
hier  zum  erstenmal  versucht,  aus  der  Welt  der 
Opfer  herauszuschreiten  in  die  Welt  der  Freiheit 
und  des  Maßes.  Der  Tod  des  tragischen  Helden 
zeigt  uns  dann,  daß  das  Maß  Vermessenheit  und 

H 


daß  das  Opfer  älter  sei  als  das  Maß.  Man  darf 
also  die  Tragödie  ein  Opfer  von  rückwärts  ge- 
sehen nennen,  eine  Rückkehr  zum  Opfer.  Was 
der  Opfernde  gleich  zu  Anfang  weiß,  daß  Leben 
Sterben  bedeute,  und  Handeln  Leiden,  das  weiß 
der  tragische  Mensch  erst  am  Ende. 
Zwischen  diesem  Anfang  und  diesem  Ende  jedoch 
ist  die  Zeit  und  die  Weisheit  der  Zeit,  die  Zahl 
und  das  Gesetz,  die  Rede,  das  Wort,  der  Mensch, 
der  trennt  und  die  Worte  von  den  Dingen  reißt; 
zwischen  diesem  Anfang  und  diesem  Ende  sind 
die  Namen,  sind  die  Neugierigen,  dieEigensinnigen, 
die  Hochmütigen;  zwischen  diesem  Anfang  und 
diesem  Ende  ist  der  Mensch,  der  sich  zu  teilen 
und  zu  spiegeln  weiß,  der  ein  Ding  zugleich  ist 
und  nicht  ist,  der  Dichter,  der  Schauspieler  .  .  . 
Der  Opfernde  lebt  von  innen,  und  so  ist  sein  Le- 
ben in  jedem  Augenblicke  reif  und  zu  Ende.  Wir 
sagen  oft  von  Menschen,  sie  wären  zu  früh  ge- 
storben, denn  wir  haben  das  Leben  immer  wieder 
als  Kampf,  als  Aufgabe,  als  Gestaltung,  als  Ver- 
pflichtung, als  ein  Besitznehmen  zu  begreifen,  von 
außen.  Der  Inder  konnte  das  Leben  nur  als  Opfer 
begreifen,  als  ein  Leben  von  innen,  ohne  Objekt, 
weshalb  er  wenig  Sinn  für  die  Biographie  hat.  Ein 
Leben  von  innen  hat  keine  Biographie,  keine  Ent- 

25 


Wicklung  und  ist  darum  nur  in  einem  Spiegel 
wirklich,  wie  immer  man  diesen  Spiegel  nenne: 
Gott,  Geist .  .  .' 

Im  Leben  desOpferndenistnichtsdraußen,wasnicht 
zugleich  drinnen  wäre,  und  das  und  keine  andere 
ist  die  Ordnung  dieser  Welt  der  Opfer.  Die  Ge- 
horsamen verlangen  voneinander  den  Beweis  und 
wollen  mit  dem  Beweis  das  innere  Leben  an  das 
äußere  binden.  Der  Inder  beweist  nicht,  die  Vor- 
stellung des  Beweises  ist  ihm  durchaus  fremd  ge- 
blieben, oder,  wenn  man  will,  sein  Beweis^  ist  das 
Opfer.^ 

Ich  sage,  im  Leben  des  Opfernden  ist  nichts  drau- 
ßen, was  nicht  zugleich  drinnen  wäre,  und  so  ist 
die  Welt  der  Opfer  niemals  die  Welt  der  Vergleiche 
und  stets  nur  die  Welt  der  Vollkommenheit,  des 
vollkommenen  Besitzes  oder  des  vollkommenen 
Entbehrens.  So  opferten  die  Könige  des  alten 
Ägyptens,  weil  ihr  Besitz  vollkommen  war.  Das 
heißt :  indem  sie  die  Dinge  ihr  eigen  nannten,  waren 
diese  Dinge  rein  und  ganz  und  vollkommen.  Diese 
Könige  besaßen  nicht  den  Wert,  sondern  das  Ding 
selbst,  das  Ding  bis  in  dessen  Wurzel,  wie  Gott 
besitzt.  Und  mit  dem  Dinge  besaßen  sie  auch  das 
Wort.  Sie  besaßen  ohne  die  Begierde,  die  teilt, 
vielmehr  war  ihre  Begierde  nichts  anderes  als  die 

26 


Wurzel  der  Dinge  und  Worte.  Wir  müssen  teilen, 
um  zu  besitzen.  Wir  müssen  werten,  und  indem 
wir  werten,  müssen  wir  zugleich  entwerten,  so 
daß  uns  oft  das  ganz  Wertlose  zum  Unschätz- 
barsten wird.  Wir  besitzen  als  Arme;  die  alten 
Könige  besaßen  als  Reiche,  ihr  Maß  war  das  Da- 
sein selbst,  und  ihre  Macht  der  Samen  der  Dinge, 
und  so  durften  sie  opfern  den  sehr  kleinen  Teil 
vom  unendlichen  Ganzen,  nicht  damit  sie  weniger 
und  andere  darum  mehr  besäßen,  sondern  zum 
Zeichen  dafür,  daß  das  Ganze  da  und  in  ihnen  und 
ihrem.  Besitze  sei.  Und  darum  war  ihr  Opfer  stets 
vollkommen,  wieviel  sie  auch  opferten,  gleichwie 
das  Wort  ihres  Mundes,  gleichwie  der  Blick  ihres 
Auges,  gleichwie  das  Schreiten  ihrer  Beine,  gleich- 
wie ihre  Begierden,  ihre  Taten,  ihre  Söhne,  ihr 
ganzes  Geschlecht  vollkommen  waren.  Diese  alten 
Könige  waren  nicht  Persönlichkeiten,  sondern 
Gestirne  und  Schicksale,  und  sie  opferten  zuletzt, 
indem  sie  sich  produzierten.  Sie  waren  da  vor  der 
Tragödie,  vor  dem  Maß  und  Unmaß,  vor  dem  Heil 
und  Unheil,  vor  dem  Vergleich. 
Die  Welt  der  Menschen  Rembrandts,  des  alten,  des 
größten  Rembrandt,  ist  da  nach  der  Tragödie.  Das 
Leben  dieser  Menschen  ist  als  ein  Opfer  aufzu- 
fassen und  nur  als  solches,  weil  es  ganz  und  gar 

27 


und  ohne  Beispiel  ein  Leben  von  innen  ist,  aus 
dem  Geiste,  und  indem  ein  solches  Leben  voll- 
kommen entbehrt,  vermag  es  'einzig  und  allein 
vollkommen  zu  besitzen,  und  diese  vollkommene 
Entbehrung  und  dieser  vollkommene  Besitz  machen 
die  Vision  aus,  als  welche  das  Wesen  und  Ganze 
dieser  Menschen  ist  und  um  welcher  willen  diese 
Menschen  nicht  anders  bewegt  sind  als  die  Ge- 
stirne. Das  Glück,  das  nicht  in  ihnen  ist,  ist  nur 
die  Unordnung  und  das  Unmaß  der  Dinge  drau- 
ßen, und  indem  diese  Menschen  sind,  ordnen  sie 
die  Dinge  und  sind  der  Dinge  Schicksal. 
Der  Opfernde  ist  tief,  und  es  scheint  mir  unsinnig, 
die  Tiefe  des  Menschen  anders  ermessen  zu  wollen. 
Wer  in  den  Menschen  hinein  will,  muß  den  Weg 
durch  dieses  Menschen  Opfer  nehmen,  jeder  an- 
dere führt  aus  dem  Menschen  wieder  heraus.  Und 
wer  diesen  Weg  der  Opfer  nicht  findet,  bleibt 
draußen  und  fremd  und  irrt  ohne  Maß. 
Wer  es  vermöchte,  in  die  Erdkugel  einzudringen 
von  oben,  müßte  auf  der  anderen  Hemisphäre 
wieder  herauskommen,  und  so  würde,  was  tief 
war,  jetzt  seicht  erscheinen.  Viele  Menschen  sind 
auch  nicht  anders  tief  als  so,  daß  sie  plötzlich  vor 
lauter  Tiefe  ganz  seicht  sind.  Das  ist  die  Tiefe 
derer,  die  am  Worte  hängen,  der  Redner,  die  Tiefe 

28 


derer,  die  nicht  sind,  die  Tiefe  der  ewig  Fremden. 
Ihnen  ist  das  Opfer  nicht  gegeben,  oder  sie  können 
nicht  opfern.^ 

So  viel  ein  Mensch  zu  opfern  vermag,  so  tief  ist 
er.  Viele  Menschen  sind  leicht  verwundbar  oder 
empfindlich,  wir  vermögen  sie  leicht  aufzustören, 
weil  sie  voll  Angst  sind,  doch  dürfen  wir  die  Tiefe 
des  Menschen  nicht  an  dessen  Angst  messen,  wie 
das  sehr  vorsichtige,  ja  furchtsame  Leute  gerne 
tun.  Wir  dürfen  die  Tiefe  ebenso  wenig  an  des  Men- 
schen Angst  messen  wie  an  dessen  Ansichten,  da  des 
Menschen  Ansichten  zumeist  nur  ein  Ausdruck  von 
des  Menschen  Angst  und  Scheu  sind  oder,  was  das- 
selbe ist,  von  dessen  Vermessenheit.  Die  Tiefe  des 
Menschen  ist  keine  Fülle  von  Angst,  da  jede  Angst, 
nachdem  ihre  Tiefe  ermessen  ist,  seicht  wird,  son- 
dern gleich  des  Menschen  Größe  ein  Sein,  und  das 
Opfer  ist  nur  ein  Ausdruck  dieses  Seins  und  dieser 
Wirklichkeit,  und  so  muß  das  Opfer  stets  voll- 
kommen oder  nicht  sein.  Der  Empfindliche,  der 
Ehrgeizige,  der  Ängstliche,  der  Gierige  ist  ohne 
Sein,  und  darum  ist  nichts  so  grausam  wie  das 
Verlangen,  daß  der  Empfindliche,  der  Ängstliche, 
der  Gierige  opfern  sollen,  denn  diese  können  ja 
nur  verlieren,  was  sie  an  sich  gerissen  haben,  oder 
hergeben,  was  ihnen  nicht  zukommt,  und  ihr  Opfer 

29 


kann  niemals  vollkommen  und  stets  nur  erbärm- 
lich sein.  Der  Opfernde  kann  nicht  verlieren,  eben- 
sowenig wie  der  tiefe  Mensch  zum  Erstaunen  und 
Ergötzen  der  Furchtsamen  und  Schlauen  seicht 
und  also  diesen  bequem  werden  kann. 
Nur  Einer  vermag  seiner  Natur  gemäß  das  Opfer 
nicht  zu  begreifen:  der  exzentrische  Mensch.  Und 
so  gebührt  diesem  auch  das  Glück  wie  keinem 
zweiten,  man  soll  ihn  darum  mit  Glück  füttern, 
und  es  soll  für  ihn  nur  Glück,  nur  bunte,  lose, 
fremde,  kostbare  Sachen  geben  und  immer  mehr 
davon  und  soviel  er  will. 

Der  exzentrische  Mensch  kann  darum  auch  nicht 
eigentlich  sterben,  da  jedes  Menschen  Tod  doch 
irgendwie  ein  Opfer  vollendet  oder  das  Opfer  nach- 
holt in  einem  einzigen,  letzten  Augenblicke,  viel- 
mehr muß  er  tot  gemacht  werden,  irgendwie,  zu- 
fällig, durch  ein  Unglück,  auch  durch  den  Hen- 
ker .  .  . 

Der  Opfernde  ist  unvergleichlich  und  geheimnis- 
voll, wie  immer  er  sonst  sei,  und  nur  Gott  versteht 
ihn  ganz,  und  niemalsderNächste,  alswelchergerne 
unverschämt  wird,  da  er  das  Opfer  begreifen  soll. 
Darum  ist  es  so  schwer,  den  Opfernden  nach  Men- 
schenart zu  messen  und  zu  sagen,  er  sei  gut  oder 
treu  oder  dankbar,  vielmehr  ist  es  anmaßend  und 

30 


voreilig,  ihn  also  gut  oder  treu  oder  dankbar  zu 
nennen :  derOpfernde  hat  dasZiel  in  sich,  und  gleich 
dem  Liebenden  ist  er  auch  das  Gegenteil  von  dem, 
was  er  ist,  und  darum  ist  der  Inhalt  seiner  Tiefe 
nicht  die  Güte  oder  die  Treue  oder  die  Dankbarkeit, 
sondern  das  Leben  selber,  das  Sein,  und  sein  Maß 
ist  die  Scham. 

Wer  die  indischen  Opfermythen  liest,  dem  wird 
•  derengrandioseSchamlosigkeitaufifallen,  alswelche 
nichts  anderes  ist  als  eine  umgekehrte,  auseinander- 
gerissene, aufgetane  Scham,  gleichwie  das  Opfer 
selber  nichts  anderes  ist  als  eine  umgekehrte,  aus- 
einandergerissene, aufgetane  Schöpfung. 


Ji 


DER  HEILIGE 

DIE  Bibel  kennt  den  Begriff  des  Heiligen  nicht, 
in  ihr  steht  der  Gerechte.  Der  persönliche 
Gott  der  Juden  verlangt  nach  dem  Gerechten  und 
will  nicht,  daß  der  Mensch  über  die  Gerechtigkeit 
hinausgehe. 

Es  ist  leicht  einzusehen,  daß  sich  dieser  Gerechte 
des  Alten  Testaments  zum  Teil  im  christlichen  Hei- 
ligen wiederfinden  mußte,  daß  sich  also  um  dieses 
Gerechten  willen  der  reine  Begriff  des  Heiligen  im 
Christentum  nur  selten  durchzusetzen  und  zu  ver- 
wirklichen vermocht  hat,  denn  auch  hier  ist  der 
persönliche  Gott  entscheidend  und  kann  also  nicht 
so  sehr  den  Heiligen  wie  den,  der  dem  Gesetze 
folgt,  fordern,  eben  den  Gerechten. 
In  der  Tat  haftet  dem  Heiligen  des  persönlichen 
Gottes  mit  wenig  Ausnahmen  etwas  Qualvolles, 
Grausames,  zuweilen  auch  Abstoßendes  an,  so  daß 
sich  unser  Wesen  gegen  diesen  Heiligen  sträubt 
und  viele  sich  versucht  fühlen,  dem  Heiligen  nach- 
zurechnen, ob  alles  auch  stimme.  Wir  wehren  uns 
eben  aus  tiefstem  Wesen  gegen  den  unreinen  Be- 
griff, gegen  diese  Vermischung  des  Heiligen  mit 
dem  Gerechten. 
Ranc6,  der  Reorganisator  des  Trappistenordens, 

32 


ist  noch  der  beste  Vertreter  dieses  Heiligseins  im 
Namen  undDienstedespersönlichenGottes.Ranc^s 
Zeitgenossen  berichten  von  dessen  vollkommener 
Impassibilität  allen  Leiden  gegenüber,  die  er  an 
seinen  Mitmenschen  sah.  Wie  hätte  auch  mensch- 
liches Leiden  den  Zorn  seines  gerechten  Gottes 
auszuschöpfen  vermocht!  Wie  anders  konnte  der 
Heilige  Maß  werden  als  dadurch,  daß  er  sich  selber 
vernichtete  und  auslöschte  und  mit  sich  auch  den 
Bruder  und  die  Schwester!  Vielleicht  wird  uns  an 
keinem  Beispiele  so  deutlich,  daß  der  große  Heilige 
irgendwie  mit  dem  großen  Verbrecher  zusammen- 
hänge, mit  dem  Mörder,  und  daß  nur  die  Gerech- 
tigkeit, das  Maß  Gottes,  den  einen  vom  andern 
zu  trennen  und  beide  auseinander  zu  halten  ver- 
mögend sei. 

Pascal  und  Kierkegaard  haben  beide  wie  niemand 
anderer  gefühlt  und  gewußt,  wie  schwer,  ja  un- 
möglich es  sei,  den  Gerechten  und  den  Heiligen 
zu  vereinigen,  wie  sehr  der  Gerechte  den  Heiligen 
hindern  müsse,  was  in  gewissem  Sinne  die  Tra- 
gödie dieser  beiden  großen  Männer  ist.  Sie  haben 
gefühlt,  daß  es  gelte  ein  furchtbares,  unbefahrenes 
Meer  zu  durchqueren,  um  vom  Gerechten  zum 
Heiligen  zu  kommen,  das  Meer  der  unendlichen 
und  unsagbaren  Angst.    Kein  Mensch  hat  es  je 

55 


durchschwömmen  und  ist  ans  andere  Ufer  ge- 
kommen, der  Gerechte  muß  in  diesem  Meer  unter- 
gehen, ja  es  ist  durchaus  dessen  Schicksal,  hier, 
in  der  Angst,  zu  sinken. 

Den  indischen  HeiUgen  wird  verstehen,  wer  be- 
griffen hat,  daß  dem  indischen  Geist  die  Vorstellung 
des  Gerechten  fremd  geblieben  ist.  Daraus  allein 
ist  der  reine  Begriff  und  die  einzige  Popularität 
des  Heiligen  zu  erklären.  Da  es  für  den  Inder  keinen 
persönlichen  Gott  gibt,  so  ist  auch  zwischen  Gott 
und  dem  Menschen  kein  Maß,  und  um  im  Rechten 
zu  bleiben,  um  Maß  zu  haben,  muß  sich  der  Mensch 
Gott  aneignen  und  also  aus  dem  Ende,  aus  derFlucht, 
die  er  selber  ist,  den  Anfang  und  Ursprung  machen, 
der  Gott  ist.  Und  so  darf  man  hier  auch  nicht 
mehr  sagen,  daß  Gottes  Gerechtigkeit  den  Heiligen 
und  den  Verbrecher  getrennt  habe  wie  mit  dem 
Schwerte,  als  welches  nun  bald  in  des  einen,  bald 
in  des  anderen  Hand  wäre;  hier  gilt  ganz  und  gar 
das  große,  schwer  zu  verstehende  Paradox,  daß 
der  Heilige  das  Verbrechen  begehen  dürfe,  ja  daß 
vielleicht  kein  Räuber,  kein  Mörder,  kein  Tiger, 
keineSchlange  da  seien,  in  die  sich  nicht  ein  Heiliger 
verwandelt  hätte. 

Der  Gerechte  soll  das  Maß  sein  von  Glück  und 
Unglück  und  das  eine  wie  das  andere  zu  tragen 

34 


lernen,  denn  Gott  hat  ihn  zum  Maße  der  Menschen 
gemacht  und  prüft  ihn  darum.  Worin  liegt  die 
Existenz  des  Maßes  anders  als  in  der  Prüfung? 
Gott  prüft  Hiob,  den  gerechtesten  unter  den  Men- 
schen, das  heißt:  er  nimmt  ihm  die  Kinder  und 
Herden  und  gibt  sie  ihm  wieder  zurück  und  macht 
den  unglücklichen  Hiob  von  neuem  zu  einem  glück- 
lichen. Für  den  Inder  nun  würde  mit  dem  glück- 
lichen Hiob  der  unglückliche  noch  einmal  anfangen 
und  so  fort,  und  das  Buch  Hiob  in  indischer  Sprache 
könnte  nie  geschlossen  werden,  da  im  Menschen 
kein  Maß  ist. 

Der  indische  Heilige  ist,  indem  er  beides.  Glück 
und  Unglück,  überwunden  hat  und  nicht  richtet 
und  mißt  und  sich  vergleicht,  der  eigentlich  schöpfe- 
rische Mensch,  der  aus  dem  Anfang  kommt  und 
nicht  flieht  und  sich  verbirgt  und  gleich  Hiob  nach 
Nachkommenschaft  und  Besitz  verlangt.  Hiobs 
Kraft  ist  dessen  eigene;  der  Heilige  hingegen  hat 
die  eigene  Kraft  verloren,  und  sein  ist  nun  die 
Kraft  der  Sonnen  und  der  Elemente.  Und  darum 
kann  er  nicht  mehr  fliehen  oder  sich  verbergen,  und 
darum  verlangt  er  nicht  nach  Nachkommenschaft 
und  Besitz. 

Wir  Europäer  verstehen  im  allgemeinen  sehr  gut 
den  Gerechten  und  sehr  schlecht  den  Heiligen,  weil 

3^ 


wir  Forscher  und  Zweifler  sind  und  also  nach  Maß 
und  Recht  verlangen.  In  der  Welt  der  Forscher 
und  Zweifler  ist  der  Heilige  stets  unbewiesen  und 
zudem  ein  Narr  oder  ein  Verkehrter,  auch  ein 
Flüchtling,  ein  Überflüssiger,  weshalb  ihn  die 
Wissenschaft  zu  allen  Zeiten  in  dem  Maße  ver- 
spottet, als  sie  den  Gerechten  verherrlicht  hat,  dessen 
Triumph,  ja  eigentliche  Unsterblichkeit  und  Ent- 
selbstung  sie  darstellt.  Die  Wissenschaft  hat  kein 
Maß  für  den  Heiligen,  denn  dieser  ist  im  tiefsten  und 
entschiedensten  Sinne  nicht  ein  Menschliches,  son- 
dern ein  Mythisches  und  durchaus  nur  dann  mög- 
lich, da  die  Menschen  noch  Götter  und  Kräfte  un- 
mittelbar spüren  und  also  nicht  forschen. 
Gelehrte  und  Forscher  sind  befriedigt,  wenn  sie  die 
Schwierigkeit  einer  Sache  zu  ermessen  imstande 
sind,  was  wohl  der  Grund  davon  ist,  daß  sie  nie- 
mals eine  Sache,  sondern  immer  nur  deren  Schwie- 
rigkeit und  Bedeutung  haben.  Sie  leben  in  einer 
Welt,  in  welcher  der  Neugierige  schließlich  immer 
um  ein  weniges  weiter  kommt  als  der,  welcher 
nicht  neugierig  ist.  Doch  der  Heilige  ist,  indem 
er  die  völlige  und  einzige  Überwindung  der  Neu- 
gier bedeutet,  nicht  ein  Schwieriges,  sondern  der 
Spiegel  einer  reinen  Götter-  und  Kräftewelt,  und  wo 
ist  so  wenig  Schwierigkeit  wie  in  einem  Spiegel? 

}6 


Man  könnte  sagen,  die  Schwierigkeit  des  Heiligen 
liege  vor  dessen  Leben,  vor  dessen  Geburt,  in  der 
Mutter.  Daher  ist  auch  die  große  Bedeutung  zu 
erklären,  welche  die  Volks-  und  Rasseneinheit  für 
die  Züchtung  des  Heiligen  hat,  die  große  Be- 
deutung der  Mutter  für  ihn,  die  geringe  des  Vaters. 
Man  kann  sagen:  der  Vater  zeugt  den  Gerechten, 
die  Mutter  gebiert  den  Heiligen. 
Aus  dem  Chaos  kann  kein  Heiliger,  wohl  aber  der 
Gerechte  entstehen,  dessen  Geburt  eigentlich  immer 
zufällig  ist.  Der  Gerechte  muß  im  Chaos  zu  ganz 
einziger  Bedeutung  kommen  und  in  dem,  was  die 
Menschen  Objektivität  nennen,  recht  eigentlich  in 
der  Wissenschaft  sich  selber  übertreffen  und  dort, 
wo  ihm  dies  nicht  gelingt  oder  gelingen  kann,  eitel 
werden. 

Ich  habe  oft  im  Leben  staunen  müssen  über  die 
gleichsam  endlose  Eitelkeit  der  Gerechten.  Sie  ist 
die  Gefahr  des  Gerechten,  dessen  Grenze.  Nur 
der  Gerechte  wird  über  die  Eitelkeit  der  Dinge 
klagen,  niemals  der  Heilige.  Der  Gerechte  vermag 
nicht  zum  Spiegel  zu  werden,  und  zuletzt  kann  der 
Mensch  die  Eitelkeit  nicht  anders  verlieren  als  da- 
durch, daß  er  zum  Spiegel  werde.  Schwer,  ja  un- 
möglich ist  es  für  den,  der  aus  dem  Chaos  geboren 
wurde,  zum  Spiegel  zu  werden.   Darum  verlangt 

37 


er  mehr  denn  andere  nach  dem  Gerechten,  nach 
dem  Richter. 

Der  Gerechte  lebt  in  der  Geschichte  und  ist  hier 
stets  seiner  Wirkung  gewiß.  Sein  Ausdruck  ist  die 
Tat  und  kein  anderer,  und  wer  ihm  das  Ziel  nimmt, 
macht  ihn  eitel.  Man  erkennt  ihn  an  den  ihm  ganz 
eigenen  Sinn  für  Ursache  und  Folge,  als  welcher  ihn 
zum  eigentlichenOrganisator  bestimmt  und  zugleich 
höchst  ungeduldig,  strebsam,  wankelmütig,  neue- 
rungssüchtig, kurz,  zum  wahren  Europäer  macht. 
Dem  Heiligen,  dem  Inder  überhaupt  fehlt  dieser 
Sinn  für  die  nächste  Ursache  und  Folge,  woraus 
wir  einerseits  dessen  Unfähigkeit  zu  organisieren, 
von  außen  einzugreifen,  andererseits  die  große 
Leidensfähigkeit,  die  Geduld,  aber  auch  den  Hang 
zur  Lüge  in  ihm  erklären  mögen. 
Der  Heilige,  sage  ich,  ist  durch  nichts  so  sehr  be- 
stimmt wie  durch  seine  gänzliche  Unfähigkeit,  die 
nächste  Ursache  und  Folge  zu  sehen  und,  was  das- 
selbe ist,  an  den  Erfolg  zu  glauben,  das  heißt:  er 
kann  sich  selber  nicht  beschränken,  er  sieht  über- 
all und  in  jedem  Augenblicke  den  ungeheueren 
Drang  der  Kreatur,  die  entsetzliche,  grenzenlose 
Begierde,  die  Raserei  des  mit  dem  Leben  Behafte- 
ten, dessen  Verschwendung  und  Verzweiflung,  den 
unsagbaren  und  ewigen  Verlust,  und  dagegen  ist 

38 


sein  Leben,  ist  der  Wille  des  Heiligen  gerichtet. 
Er  ist  die  andere  Richtung,  und  was  wir  Askese 
nennen,  worin  der  Gerechte  nur  eine  Selbstbe- 
raubung sehen  kann,  ist  Gegenkraft,  und  so  stürzen 
um  des  Heiligen  willen  die  Gestirne  nicht  ein  und 
stehen  die  Sonnen  und  faulen  die  Wurzeln  von  den 
Bäumen  nicht  weg,  und  Tag  und  Nacht  wechseln 
im  gleichen  Maße,  und  die  Menschen  vergleichen 
sich,  und  das  Tier  gebiert  in  Schmerzen/^ 
Weil  das  Leben  des  Gerechten  nur  in  der  Geschichte 
zuverwirklichen  ist,  darum  ist  er  auch  vordem  Ende 
nicht  glücklich  zu  preisen.  Der  Heilige  ist  vor  dem 
Ende  glücklich,  denn  in  ihm  kehrt  das  Meer  zur 
Quelle  zurück.  Das  will  er,  von  Jugend  an  hat  er 
nur  den  einen  Wunsch,  daß  das  Meer  zur  Quelle 
zurückkehre.  Der  Gerechte  muß  und  will,  wie  die 
Menschen  sagen,  gegen  den  Strom  schwimmen, 
nur  so  kann  er  zur  Quelle,  zu  sich  selber. 
Der  Heilige,  sage  ich,  ist  vor  dem  Ende  glücklich, 
in  der  Upanishad  heißt  es:  „Der  Schauende  schaut 
nicht  den  Tod." 

Und  das  unterscheidet  den  Heiligen  auch  vom 
Geistesmenschen,  als  welcher  seiner  Anlage  nach 
stets  Vorläufer  ist,  von  sich  selber  noch  geschieden 
und  darum  zum  Werke  und  zum  Schaffen  bestellt. 
Der  Geistesmensch  verhält  sich  zum  Heiligen  wie 

39 


die  Art  zum  Individuum.  Der  Geistesmensch  ist 
Art,  Verkörperung;  seine  Sache  ist  die  Sache  des 
Geistes,  nicht  seine  eigene;  auch  seine  Moral  ist 
durchaus  repräsentativ.  Ein  unfruchtbarerGeistes- 
mensch  ist  hiermit  im  Widerspruch  mit  sich  selber 
und  entschieden  verkehrt;  der  Heilige  ist  unfrucht- 
bar. 

Der  erste  Mensch,  von  dem  die  Mythen  der  Völker 
erzählen,  der  Mann  und  Weib  zugleich  ist,  war 
ein  Heiliger  und  kein  Geistesmensch.  Nur  der 
Geistesmensch  ist  unsterblich,  nicht  der  Heilige, 
denn  die  Unsterblichkeit  ist  noch  ein  Leiden  der 
Zeit,  ein  letztes,  und  der  Heilige  vermag  nicht  mehr 
zu  leiden. 

Weil  der  Gerechte  so  schwer  zu  verwirklichen  ist 
ohne  Gottes  persönlichen  Eingriff  (der  Gerechte 
des  Alten  Testaments  war  in  ununterbrochenem 
Verkehr  mit  Gott  und  hatte  das  Maß  und  Wissen 
aus  Gottes  Hand  und  Mund),  darum  haben  die 
Menschen  den  Begriff.  Den  Begriff  im  höchsten 
Sinne.  Oder  das,  was  wir  Kultur,  Tradition,  Sitt- 
lichkeit, Kunst  nennen.  Der  Begriff  ist  die  Hinter- 
lassenschaft, die  Unsterblichkeit  des  Gerechten, 
um  dessentwillen  .stets  von  neuem  die  Freundschaft, 
die  Güte,  die  Treue  lebendig  sind  und  durch  die 
Geschlechter  getragen  werden.  Ohne  den  Begriff 

40 


wären  die  Menschen  entweder  gemein  oder  nur 
Liebhaber,  Sammler,  Dahingerissene,  Spieler,  vom 
Gegenstand  entwertet,  vom  eigenen  Werke  ver- 
schlungen. Ohne  den  Begriff  vermöchte  der  Mensch 
nicht  anders  als  durch  Selbstverrat  fortzuleben,  als 
welcher  entschieden  die  dem  Gemeinen  eigene  und 
angeborene  Form  ist,  und  so  müßte  stets  von  neuem 
der  Mut  in  der  Feigheit  und  das  Erlesene  im  Ge- 
schwätz untergehen.  Denn  nur  durch  den  Begriff 
ist  das  Hohe  vom  Niedrigen  getrennt,  und  richtig 
verstanden  ist  auch  der  Elefant  nur  um  des  Be- 
griffeswillen größer  als  die  Maus.  Ich  meine,  wenn 
es  gelänge,  aus  dem  Elefanten  und  aus  der  Maus 
den  Begriff  zu  eliminieren,  wie  das  Künstler  immer 
wieder  tun,  so  müßte  die  Maus  so  groß  werden 
wie  der  Elefant  und  der  Elefant  so  groß  wie  die 
Maus.^^ 

Daß  nun  der  Mut  Mut,  das  Wort  Wort  bleibe,  das 
und  gar  nichts  anderes  ist  Kultur,  ist  Begriff,  ist 
die  bleibende,  die  große  Tat  des  Gerechten.  Und 
darum,  im  Sinne  der  Kultur,  im  Sinne  dieser  großen 
Tat  ist  es  gar  nicht  so  wichtig,  daß  ein  Mensch 
gütig  oder  treu  sei  und  liebe,  als  daß  eben  die  Güte, 
die  Treue,  der  Mut,  die  Liebe  da  seien.  In  den 
Buchstaben,  in  den  Bildern,  in  den  Denkmälern, 
aber  auch  im  Gedächtnis,  in  der  unsterblichen  Seele 

41 


des  einzelnen,  des  verlorenen,  des  sterblichen  Men- 
schen.  Man  kann  also  vom  Gerechten  sagen,  er 
habe  die  Güte,  die  Treue,  den  Mut,  die  Bosheit, 
ohne  daß  er  selber  gütig  oder  treu  oder  mutig 
oder  böse  sei,  und  es  ist  gut,  daß  es  so  ist. 
Ich  nehme  hier  durchaus  die  Partei  des  Gerechten 
gegen  alle  die,  welche  ihn  einen  Heuchler  nennen, 
nicht  wissend,   daß   die   Heuchelei  oft  nur  das 
Leiden  des  Gerechten  sei,  dessen  Opfer,  vielmehr 
dessen  Unfähigkeit,  sich  zu  opfern.  Die  Existenz 
eines  Staates,  das  Leben  der  Familie  ist  ohne  diese 
Gerechten  nicht  möglich,  so  die  Liebe  haben,  ohne 
zu  lieben.    Der  Gerechte  allein  darf  töten,  ohne 
Mörder  zu  sein,  und  also  sind  die  Kriege  in  einem 
ganz  bestimmten  Sinne  Ausdruck  der  Kultur,  denn 
sie  allein  nähren  und  erhalten  den  zeitlichenFrieden. 
Ist  es  nicht  recht  eigentlich  der  Triumph  des  Ge- 
rechten, der  Kultur,  der  Triumph  des  Begriffes, 
daß  der  Krieg,  vielmehr  seine  Furchtbarkeit,  ja 
Unmöglichkeit  heute  die  beste  und  einzige  Gewähr 
des  Friedens  sei? 

Der  Gerechte  kann  sich  nicht  opfern,  habe  ich 
gesagt.  Der  Gerechte  kann  sich  selber  nur  wider- 
legen, und  gleich  ihm  können  auch  ein  Staat,  eine 
geschichtliche  Periode,  eine  menschliche  Kultur 
sich  nicht  einer  anderen  opfern,  sondern  nur  sich 

42 


selber  widerlegen,  mit  anderen  Worten:  zu  Ende 
sein,  was  zu  begreifen  die  nicht  leichte  Aufgabe 
des  Historikers  ist. 

Und  hier  setzt  der  Heilige  ein,  hier  ist  der  Heilige 
einzusehen:  der  einzige  Mensch,  der  sich  selber 
nicht  widerlegen  kann,  der  einzige  Mensch,  der 
von  Grund  aus  nicht  begreifen  kann,  daß  der  Frie- 
den nur  durch  den  Krieg  erhalten  werde,  der  wahre 
Bringer  des  ewigen  Friedens,  er,  der  den  Tod 
nicht  schaut.  Und  so  ist  der  Heilige  stets  gegen 
die  Kultur  und  gegen  den  Begriff.^"'  Ja,  der  Begriff 
scheint  dem  Heiligen  nur  da  zu  sein,  um  verkehrt 
zu  werden,  da  sein  Auge  sieht,  daß  die  Menschen, 
die  den  Begriff  haben,  einander  nur  lieben,  um 
einander  nicht  zu  hassen,  und  öffentlich  gerecht 
sind,  um  einander  heimlich  Schaden  zuzufügen.  Und 
der  Begriff  wird  dem  Heiligen  nur  die  Entfernung 
bedeuten,  die  den  Menschen  von  sich  selber  und 
von  dessen  Sachen  trennt,  und  der  Mensch  wird 
ihn  haben,  weil  er  sich  selber  fremd  ist  und  ent- 
gangen, oder  der  Mensch  wird  ihn  haben,  weil  er 
die  Sache  nur  zu  besitzen^^  und  nicht  zu  sein  ver- 
mag. Für  den  Heiligen  gibt  es  keinen  anderen 
Besitz  als  das  Sein  selbst,  und  darum  wird  er 
weder  schwärmen"  noch  des  Rechtes  bedürfen, 
und  weil  er  überall  ist,  werden  ihn  die  Menschen 

43 


nicht  sehen  oder  nur  als  einen  Verwandelten  wahr- 
zunehmen fähig  sein.  Und  als  ein  solcher  Ver- 
wandelter ist  der  Heilige  das  Gegenteil,  ja  zu- 
weilen der  Feind  und  der  Tod  des  Gerechten. 
Denn  gleichwie  dieser  die  Liebe  hat,  ohne  zu 
lieben,  so,  kann  man  sagen,  liebt  der  Heilige  ohne 
Liebe,  ist  er  treu  ohne  Treue,  dankbar  ohne  Dank- 
barkeit, gerecht  ohne  Gerechtigkeit  und  böse  ohne 
Bosheit. 


44 


VON  DEN  ELEMENTEN 

DER  MENSCHLICHEN  GRÖSSE 

(191 1) 


übi  magnitudo, 
ibi  veritas. 

Augustinus. 


Dem  Prinzen 
Alexander  von  Thurn  und  Taxis 


GEWIDMET 


EINLEITENDE  SÄTZE 

DAS  neue  Geschlecht  nach  Goethe  hat  dadurch, 
daß  es  den  Begriff  der  Persönlichkeit  an  die 
Stelle  jener  alten,  eudämonistischen  Vorstellung 
vom  vollkommenen  Menschen  setzte,  dartun  wollen, 
daß  die  Menschheit  von  nun  an  ihr  Ziel  im  Men- 
schen selber  suche.  In  der  Tat  war  dieser  voll- 
kommene Mensch  vor  Goethe  allmählich  zu  einer 
bloßen  Parade  geworden,  und  der  Mensch  hatte 
sich  um  der  Vollkommenheit  willen  zu  sehr  von 
sich  selber  entfernt.  In  der  neuen  Persönlichkeit 
sollte  er  sich  näher  gebracht  und  also  leistungs- 
fähiger und  kriegstüchtiger  werden.  Persönlich- 
keit, so  wie  Goethe  sie  forderte  und  in  einem  ein- 
zigen Sinne  auch  verwirklichte,  bedeutet  darum 
dem  vollkommenen  Menschen  gegenüber  Kraft- 
ersparnis, einen  kürzeren  Weg  des  Menschen  zu 
sich  selber  und  nicht  ein  anderes  Maß. 
Persönlichkeit  heißt  ganz  entschieden  nicht,  daß 
ein  Mensch  groß  und  stark  und  anders  als  die 
anderen  sei,  sondern  daß  der  Mensch  und  die  Welt 
nicht  nur  zufällig  übereinstimmen  und  ineinander 
greifen,  daß  sie  voneinander  das  Maß  haben  und 
ineinander  zu  finden  seien.  Persönlichkeit  ist  also 
keineswegs  um  ihrer  selbst  willen,  sondern  ganz 

47 


genau  um  aller  Dinge  willen  da,  worin  allein  ihre 
eigentümliche  Klarheit  und  ihr  Glück  liegen. 
Bis  zum  Überdruß  hören  wir  vom  Schaffenden, 
vom  Berauschten,  vom  Dionysischen/  doch  kommt 
es  nur  darauf  an,  daß  Mensch  und  Welt  aneinander 
nicht  verlieren  und  sich  gegenseitig  nicht  zu- 
schanden  machen.  Und  das  heißt  dann  Maß  und 
Größe. 

Es  ist  wie  mit  dem  Frommen.  Der  wahre  geht  an 
Gott  nicht  zugrunde,  und  Gott  wird  am  Frommen 
nicht  zuschanden.  In  einer  solchen  Frömmigkeit 
ist  Maß  und  Größe,  und  es  ist  darum  nicht  not- 
wendig, daß  der  Fromme  es  von  Gott  ganz  be- 
stimmt wisse,  wie  groß  die  Frömmigkeit  sein 
müsse. 

Die  Frommen  heute,  diese  gleich  berauschten, 
gleich  schaffenden  Frommen,  erschöpfen  sich  an 
ihrem  Gott.  Vielleicht  sind  sie  frömmer,  wenn 
man  ihren  Worten  glaubt;  es  ist  in  den  meisten 
Fällen  überhaupt  nicht  zu  sagen,  wie  fromm  diese 
Schaffenden  sind,  aber  in  ihrer  Frömmigkeit  ist 
kein  Maß  und  keine  Größe. 
Es  irren  so  viele  von  den  Menschen,  die  an  Per- 
sönlichkeit glauben,  darin,  daß  sie  meinen,  es  gebe 
eine  Persönlichkeit  aufs  Ungewisse,  auf  alle  Fälle, 
als  Schauspiel,  Provisorium  und  bloße  Erregung; 

48 


früher,  ist  ihre  Ansicht,  sei  der  Mensch  gläubig 
gewesen,  weil  es  einen  Gott,  und  tapfer,  weil  es 
immer  Krieg  gegeben  hätte,  heute  gebe  es  keinen 
bestimmten  Gott  und  nur  höchst  selten  einen 
Krieg,  also  sei  man  statt  gläubig  und  tapfer  Per- 
sönlichkeit. Für  das  Manöver  gleichsam,  eben  aufs 
Ungewisse,  in  permanenter  Entwicklung.  Ich 
glaube  nun,  es  gibt  keine  Persönlichkeit,  ohne  daß 
nicht  ein  Sein  oder  ein  Maß  oder  eine  Größe  im 
Geiste  oder  im  Glauben  des  Menschen  gesichert 
und  bestimmt  wären.  Und  nur  um  dieses  Maßes, 
um  dieser  Größe  willen  ist  Persönlichkeit  gültig 
und  nicht  aufzuheben.  Das  heißt  mit  anderen 
Worten :  während  der  gewöhnliche  Mensch  glück- 
lich oder  unglücklich  im  Ungewissen  lebt  und  in 
seiner  Art  unbeschränkt  ist  (das  Gewöhnliche  ist 
in  der  Tat  durch  nichts  zu  beschränken),  lebt  die 
Persönlichkeit  in  einer  gewissen  Welt.  Es  gibt 
kein  Maß  und  keine  Größe  des  Ungewissen. 
Noch  das:  ein  Bruch  im  Individuum  und  in  der 
menschlichen  Gesellschaft  ist  stets  dort  zu  beob- 
achten, wo  zwei  Gesetze  herrschen:  eines  für  den 
Herren  und  eines  für  den  Diener.  Nun  glaube  man 
nicht,  daß  dieser  Bruch  die  Bildung  der  Persön- 
lichkeit begünstige.  Vielmehr  gedeiht  in  dieser 
Kluft  niemand  besser  als  der  Schauspieler,  und  es 

49 


ist  höchst  verderbh'ch,  hier  den  Schauspieler  mit 
der  Persönlichkeit  zu  verwechseln,  was  heute  so 
oft  geschieht.  Persönlichkeit  ist  Autorität  oder 
gar  nichts.  Persönlichkeit  ist  stets  nur  ein  Maß 
und  Gesetz  und  darum  groß. 


50 


DER  INDISKRETE  MENSCH 

DASS  der  moderne  Mensch  im  ganzen  so  in- 
diskret ist,  soll  gar  nicht  bedeutende  Fähig- 
keiten in  Abrede  stellen:  seinen  Spürsinn,  seinen 
Witz,  seine  Anempfindungs-  und  Stimmungsfähig- 
keit und  auch  nicht  eine  gewisse  Einbildungskraft, 
soweit  diese  eben  mehr  in  der  Fähigkeit  liegt, 
sich  in  Stimmung  zu  setzen,  als  sich  zu  verwandeln. 
Aber  als  Material  zur  Größe  taugt  er  nicht.  Man 
kann  aus  einem  indiskreten  Menschen  keinen  großen 
machen,  wie  immer  man  es  anstelle.  Sein  Wesen 
drinnen  ist  brüchig  und  cavos  und  geteilt.  Und 
sein  Werk  darum  auch  voll  Reiz,  doch  ohne  Ge- 
stalt und  Gesetz  und  vermag  uns  darum  wohl  an- 
zuregen, aber  nicht  zu  bestimmen. 
Dieser  indiskrete  Mensch  ist  zerstreut  von  innen 
heraus,  und  darum  wirkt  er  nicht  trotz  vielerMittel. 
Er  vermag  nicht  zu  repräsentieren  und  bricht 
immer  wieder  ab.  Seinem  Dasein  fehlt  die  Vor- 
sehung, das  innere  Gesetz  und  die  Folge,  und 
so  läuft  sein  Leben  ab  und  ist  stets  irgendwie  ver- 
schwendet und  verworfen. 
Diese  Indiskretion,  von  der  ich  rede,  ist  schlechte 
Ökonomie  und  Verfassung,  kein  Laster,  aber  eine 
Unordnung  und  Heillosigkeit  tief  drinnen,  was  ja 

51 


in  einem  gewissen  Sinne  viel  schlimmer  ist.  Der 
moderne  Mensch  ist  damit  geboren.  Ich  möchte 
sagen,  es  ist  diejenige  Krankheit  der  Seele,  bei  der 
die  menschliche  Persönlichkeit  am  wohlsten  aus- 
sieht, und  man  darf  sie  mit  gewissen  Herzerkran- 
kungen vergleichen,  die  ein  Unkundiger  dem 
Kranken  wegen  dessen  guter  Farben  nicht  ansieht. 
Also  ist  dieser  Indiskrete  tief  und  doch  nicht  tief, 
sublim  und  doch  nicht  sublim,  geistreich  und  im 
tiefsten,  entscheidenden  Sinne  ohne  Geist,  groß 
und  doch  klein.  Er  ist,  weiter,  nicht  ohne  Inner- 
lichkeit, und  doch  beneidet  er  die  Leichten  und 
Oberflächlichen  und  ist  also,  wenn  ich  es  so  sagen 
darf,  unglücklich  über  seinem  eigenen  Glück.  Ist 
das  nicht  ganz  und  gar  Mangel  an  Maß :  also  inner- 
lich zu  sein  und  nach  den  Leichten  zu  schielen? 
Ist  das  nicht  ganz  deutlich  ein  Fehlen  von  Größe 
und  Bestimmung:  sich  also  mit  sich  selber  immer 
wieder  aufzuheben?  Und  dies  ist  die  Folge  jenes 
unseligen  inneren  Zustandes,  daß  dieser  indiskrete 
Mensch  niemals  ganz  ohne  Verrat  aus  sich  her- 
aus kann  und  jeglicher  Äußerung  seines  Wesens 
etwas  von  Frevel,  ja  eine  gewisse  Schamlosigkeit 
anhaftet. 

Wer  ist  ihm  noch  nicht  begegnet,  diesem  un- 
typischen, unsatten  und  undichten  Geschöpf  mit 

52 


dem  überhitzten  Blick,  dieser  Kreatur  ohne  Sinn- 
Hchkeit  mit  der  wollüstigen  Fratze,-  diesem  Men- 
schen voll  von  Gegensätzen  und  Brüchen  und  ohne 
Spannung?  Wer  kennt  ihn  nicht,  diesen  Genuß- 
menschen ohne  Geschmack,  den  tristen  Erotiker, 
den  mitleidsvollen  Ästheten,  den  Patrioten  aus  Ver- 
zweiflung und  ohne  Überzeugung,  den  Frommen 
ohne  Glauben?^  Wer  stößt  nicht  täglich  auf  diese 
Überlebendigen  und  doch  schon  Toten?  Auf  diese 
ewig  Entzückten'  und  doch  Flüchtigen?  Auf  alle 
die  mit  mehr  Worten  als  Dingen,  welche  darum 
lieber  mit  einem  ganzen  Buche  unrecht  als  mit 
einem  einzigen  Satze  recht  haben  ?^ 
Dieser  Mensch  ist  indiskret,  weil  ihm  der  Gegen- 
stand, und  er  ist  ohne  Gegenstand,  weil  ihm  die 
Hingebung  fehlt.  Und  er  wird  niemals  begreifen, 
daß  die  Welt  nur  für  den  bestimmt  ist  und  gegen- 
ständlich und  wirklich  wird,  der  sich  hinzugeben 
vermag.  Ich  möchte  diesen  indiskreten  Menschen 
einen  entarteten  Pedanten  nennen,  einen  Pedanten, 
der  plötzlich,  über  Nacht,  ohne  Grund  zu  ver- 
schwenden begonnen  hat,  den  Pedanten  einer 
ganz  unwirklichen,  unheimlichen  Welt,  den  Pedan- 
ten mit  dem  Hunger  nach  dem  Anderen,  nach  dem 
Fremden,  innerlich  voll  Angst  und  Todesfurcht. 
Ich  sage,  er  ist  ohne  Hingebung.  Und  vielleicht 

53 


ist  das  seine  Tragik,  daß  er  einmal  sich  hinzugeben 
versucht  hat  und  dabei  fühlen  mußte,  daß  er  sich 
entwerte,  was  ihn  schließlich  dazu  trieb,  schwer- 
mütig und  frivol  zugleich  und  zum  Spieler  zu 
werden  in  einer  Welt  geheimnisvoller  Bestim- 
mungen. 

Der  Spieler  ist  notwendig  indiskret,  d.  h.  ihm  ist 
alles  preisgegeben,  und  er  entwertet  die  Dinge, 
gleichwie  der  Wollüstige  sie  entwurzelt.  Seine 
Seele  ist  maßlos,  er  tut  und  fühlt  vieles  und  nur 
das  Eine  nicht,  und  darum  wird  er  die  Angst  nicht 
los,  so  daß  man  wohl  behaupten  möchte,  die  Angst 
sei  sein  Maß.  ,, Eines  aber  tut  not"  —  dieses  Wort 
Jesu  ist  gegen  den  Spieler,  gegen  den  Indiskreten 
gerichtet.  Martha  war  vielleicht  im  Mittelalter  die 
Tätige,  da  man  eine  ganz  bestimmte  Weise  hatte, 
Gott  zu  dienen;  heute  ist  Martha  die  Indiskrete 
und  Zerstreute  und  ein  Sinnbild  jener,  deren  Maß 
die  Angst  ist.  Alles,  was  sie  tut,  ist  vertan  und 
verstreut,  da  die  Angst  nichts  zu  halten  und  zu 
sammeln  vermag  und  stets  verliert.  Ihre  guten 
Gefühle  sind  alle  verschwendet  an  eine  fremde 
Welt,  und  so  ist  sie  stets  ohne  das  Gute,  das  sie 
gewirkt  und  gefühlt  hat,  und  darum  ohne  Wert 
und  ohne  Maß.  Maria  hat  das  Maß,  und  sie  ist, 
und  darum  ist  sie  groß. 

H 


Man  erkennt  den  Indiskreten  durchaus  an  dessen 
Werk,  das  ohne  wahre  Innigkeit  und  also  ohne 
Form  ist.  Der  Indiskrete  kommt  nicht  über  die 
Antithese  hinaus  und  darum  nie  zu  einem  Ge- 
schmack des  wahren  Wesens  der  Dinge.*'  Die 
Antithese  ist  recht  eigentlich  die  Form  jener,  die 
innerlich  voll  Angst  sind,  die  Form  der  entarteten 
Pedanten,  eben  jener  Tiefen,  die  nicht  tief,  und  jener 
Großen,  die  nicht  groß  sind.' 
Ich  sage,  die  Antithese  ist  die  Form  des  Marsyas, 
der  vomGotteApollon  geschunden  wurde.  Marsyas 
war  ein  Indiskreter  im  griechischen,  im  großen 
Stile,  ein  Maßloser,  und  darum  wurde  er  geschun- 
den.   Das  entsprach. 

Wenn  ich  behaupte,  daß  der  Indiskrete  kein  Material 
zur  Größe  sei,  so  will  ich  damit  nicht  gesagt 
haben,  daß  er  kein  Bedürfnis  nach  dem  Großen 
empfände.  Er  hat,  möchte  ich  sagen,  dauernd  einen 
kranken,  den  falschen  Appetit  nach  dem  Großen, 
nach  dem  Helden,  nach  der  großen  Persönlichkeit, 
nach  dem  großen  Ereignis,  nach  der  Schönheit, 
und  er  ermüdet  nicht  an  seinem  Wunsche  und 
seiner  Gier.  Und  was  er  wünscht  und  verehrt,  ist 
immer  das  ganz  Andere,  das  Fremde,  das  aus  dem 
fremden  Lande,  das  da  kommt  und  verschwindet 
und  zu  nichts  verpflichtet ;  was  er  wünscht  und  ver- 

35 


ehrt,  ist  durchaus  der  Schauspieler.  Ich  meine, 
durch  nichts  verrät  er  so  deuthch  seine  Herkunft 
aus  dem  Vulgären  und  WillkürHchen  und  Mittel- 
mäßigen wie  dadurch,  daß  er  Größe  nur  noch  im 
Schauspieler  und  Größe  nicht  mehr  ohne  die  Ver- 
mittlung des  Schauspielers  gewahr  zu  werden 
fähig  ist. 

Oder  er  hat  das  amerikanische  Ideal  von  Größe, 
den  exzessiven  Menschen,  den  Superlativ,  den 
Spezialisten,  die  Unmasse,  die  Größe  des  Tages, 
den  Tenor,  Rooseveldt,  den  Milliardär,  den  Boxer, 
überhaupt  das  ganz  Lose,  und  er  verehrt  seinen 
Helden  dadurch,  daß  er  ihn  karikiert.  Karikatur 
ist  umgekehrte  Monumentalität  und  vielleicht  die 
einzige  ursprüngliche  Art  des  Indiskreten,  groß 
zu  sehen,  und  die  einzige  Möglichkeit,  das  von 
Natur  aus  Indiskrete  und  innerlich  Formlose  groß 
auszudrücken.  ^ 


56 


DER  KREIS 

DEM  indiskreten  Menschen  von  heute  ist  nichts 
so  fremd  geworden  wie  das  antike  Ideal  von 
menschHcher  Größe,  und  doch,  glaube  ich,  dürfte 
ihn  über  die  Möglichkeit  des  eigenen  nichts  gründ- 
licher aufklären  als  ein  deutlicher,  ganz  unroman- 
tischer Begriff  von  der  antiken  Größe,  wozu  ich 
gleich  bemerke,  daß  diese  antike  Größe  nicht  nur 
dem  Menschen  der  Bibel  oder  dem  Griechen  und 
Römer  eignete,  sondern  jedem  Menschen,  auch 
dem  gegenwärtigen,  eingeboren  und  eingezeich- 
net ist. 

Der  antike  Mensch  ist  außerstande,  im  Feinde 
seinen  Bruder  zu  sehen.  Er  ist  ganz  allgemein 
der  Mensch  im  Kampfe  mit  der  Natur,  mit  dem 
Objekte,  und  so  lebt  er  durch  alle  Jahrhunderte 
hindurch  im  Soldaten,  im  Staatsmann,  im  Ent- 
decker, im  Kaufmann,  aber  auch  im  Forscher,  im 
Gelehrten,  im  Arzt.  Er  ist  der  tätige,  der  han- 
delnde Mensch  im  weiten  Sinne,  der  Sohn  der 
Natur,  der  Schmied  seines  Schicksals  und  der 
Geber  der  Gesetze,  er  ist  auch  der  Künstler,  der 
große  Baumeister.  Und  damit  ist  er  bestimmt, 
daß  er  das  Leben  nicht  ohne  Feind  weiß  und  will, 
und  das  ist  gut  und  groß  so,  denn  also  wird  ein 

57 


Mensch  sich  selber  nicht  feind,  und  also  vermag 
des  Menschen  Größe  im  Maße  zu  ruhen :  dort,  wo 
der  antike  Mensch  sie  stets  sieht  und  sehen  muß. 
Nichts  wird  der  indiskrete  Mensch,  den  man  einen 
Menschen  ohne  Feind  nennen  möchte  —  er  hat  in 
der  Tat  keinen  Feind,  d.  h.  er  weiß  im  Grunde  nie, 
was  er  will,  und  ist  vague  —  nichts,  sage  ich,  wird 
der  indiskrete  Mensch  weniger  verstehen,  als  daß 
Größe  nur  im  Maße  liege,  was  immer  der  Mensch 
tue,  und  daß  den  antiken  Menschen  also  das  Ge- 
setz und  die  Sitte  stärken  und  vermehren.  Der 
antike  Mensch  wird  durch  das  Gesetz  größer, " 
denn  er  sucht  nicht  sich  selber,  sondern  die  höhere 
Gesinnung,  und  größer  als  das  einzelne  ist  das 
Geschlecht  und  mehr  als  das  Geschlecht  der 
Staat,  und  über  dem  Staate  sind  die  Götter.  Auf 
diese  Weise  ist  nichts  versäumt  und  verschwen- 
det, und  der  Mensch  gemessen,  reif  und  erfüllt, 
und  alles,  die  Familie,  der  Staat,  die  Götter  und 
die  Natur,  weist  ihn  an,  groß  zu  sein.  Groß  um 
des  Gesetzes,  um  des  Ganzen  willen. 
Es  ist  so:  der  moderne  Mensch  vermag  nicht,  da 
er  einsam  ist  und  zwiespältig  und  in  den  Dingen 
sich  selber  sucht,  diese  Dinge  ohne  Einbildungs- 
kraft groß  zu  sehen;  für  den  antiken  Menschen 
sind  die  Dinge  groß,  weil  alle  Großheit  im  Maße 

58 


liegt  und  alle  Großheit  Gerechtigkeit  birgt. '  ■  Wie 
hätte  er  sich  in  Dingen  erst  suchen  sollen,  die 
schon  gemessen  sind!  Wie  war  nicht  gerade  durch 
die  Gemessenheit  der  Dinge  die  Tätigkeit  des 
Menschen  bestimmt  und  entschieden!  Und  wie 
ist  es  nicht  durchaus  das  Wesen  des  antiken  Men- 
schen, statt  sich  selber  zu  suchen,  groß  zu  han- 
deln!? 

Um  dieses  Maßes  und  um  dieser  natürlichen  Größe 
willen  findet  er  so  mühelos,  so  ohne  Qual  die  Über- 
gänge vom  Wort  zum  Ding,  vom  Gedanken  zur 
Tat,  von  der  Dichtung  zum  Leben,  was  ihn  alles 
in  so  hohem  Grade  zum  Lehrer  und  zum  Gesetz- 
geber befähigt.  ^^  Ja,  das  Wort  ist  hier  Ding  und 
der  Gedanke  Tat,  insofern  als  sie  groß  und  ge- 
messen sind.  Ich  möchte  darum  sagen:  die  Ein- 
heit des  antiken  Menschen  ist  nicht  Innigkeit, 
sondern  Großheit  und  Maß. 
Der  moderne  Mensch  findet  die  Übergänge  —  nicht 
dank  einem  eingeborenen  Maße,  sondern  als  Lieben- 
der, und  zwischen  den  beiden  Welten  seines  Wir- 
kens und  seiner  Sehnsucht  ist  eben  die  Einbildungs- 
kraft, die  man  wohl  die  Größe  und  das  Maß  des 
Liebenden  nennen  muß.  Für  den  antiken  Menschen 
ist  groß  das,  was  ist,  im  Sein  selbst  ist  das  Maß, 
und   um  dieses  Maßes,   um  des  heiligen  Maßes 

59 


willen  darf  er  die  Dinge  nicht  vertauschen  und 
verstellen.  ^^ 

Das  Maß  ist  ein  heiliges,  sage  ich,  denn  der  Mensch 
und  die  Welt  sind  nur  durch  das  Maß  geeint,  und 
es  gibt  keine  andere  Einigung  als  durch  das 
Maß.^^ 

Der  moderne  Mensch  kann  sich  das  Sein  ohne 
Werden  nicht  vorstellen,  nicht  ohne  Qual,  für  den 
antiken  ist  das  Werden  recht  eigentlich  das  Maß. 
Überall,  wo  Maß  ist,  da  ist  ein  Ding  schon  ge- 
worden und  rechtzeitig  und  unersetzlich  und  gut 
und  ohneQual  und  Lüge.  Auf  diese  Weise  begreift 
man  auch,  warum  das  Gute  für  den  antiken  Men- 
schen nicht  Entwicklung,  sondern  Gegenwart  und 
Wirksamkeit,  warum  es  stets  Reife  des  Wesens, 
ja  in  einem  gewissen  Sinne  Todesbereitschaft  ist. 
Größe  ist  niemals  ohne  Zweck  und  Ende,  und  also, 
darf  man  sagen,  heiligt  auch  der  Tod  die  Dinge 
und  macht  sie  groß.^* 

Die  Tugend  der  christlichen  Menschen  ist  eine 
Brücke  und  eine  Spannung;  die  des  antiken:  Maß, 
und  so  ist  dieser  antike  Mensch  um  seiner  Treue, 
um  seines  Mutes  und  Zweifels,  um  der  Liebe  und 
um  des  Hasses  willen  nicht  Mensch  gleich  dem 
Christen,  sondern  eben  groß. 
Und  so  ist  auch  das  Opfer  nicht  Wiedergeburt, 

60 


sondern  nur  groß.  Und  die  Menschen  und  alle  Dinge 
sind  groß  und  gemessen  gleich  den  Opfertieren 
auf  römischen  Tempelfriesen:  nicht  als  Zeichen 
einesÜbermäßigen,sondernweil  sie  sterben  müssen 
in  der  Fülle  der  Zeit .  .  . 

Was  der  moderne  Mensch  ist,  das  ist  er  auf  dem 
Hintergrunde  einer  unendlichen  Einsamkeit.  Daß 
unser  Werk  uns  vernichten  muß,  wenn  es  leben 
will,  das  ist  Einsamkeit  und  Maßlosigkeit.  ^^  Der 
antike  Mensch  war  nicht  einsam  in  diesem  tiefen 
Sinne,  sondern  in  ebendem  Sinne  und  ebendem 
Grade  glückselig  (nicht  glücklich).  Glückseligkeit 
heißt,  daß  den  Tätigen  das  eigene  Werk  nicht  zer- 
stört, daß  vielmehr  Dinge  und  Menschen  sich  ge- 
genseitig stärken  und  aneinander  teilnehmen  und 
die  Kräfte  tauschen.  ^^ 

Der  Einsame  muß  ursprünglich  sein  und  darf  nur 
Ruhe  finden  in  seinem  Ursprünge,  der  Glückselige 
gegenwärtig,  er  ist  immer  ursprünglich  und  mächtig 
und  groß,  so  er  gegenwärtig  ist,  und  hat  also  nie- 
mals seinen  Zweck  verfehlt.  ^^  Der  indiskrete 
Mensch  von  heute  ist  sehr  geneigt,  im  Vorhanden- 
sein von  Zwecken  und  Zielen  einen  Mangel  an 
Eigenart  zu  sehen,  und  lebt  darum  in  der  dauern- 
den Furcht,  sein  Inneres  an  ein  Äußeres  zu  ver- 
lieren, ^®  und  hält  sich  für  tief,  sooft  er  in  sich  geht 

6i 


und  Bekenntnisse  macht.  Die  Eigenart  des  antiken 
Menschen  ist  Fülle,  und  durch  das  Ziel,  durch  die 
Tat  sucht  er  die  Fülle  zu  messen  und  zu  bestimmen, 
und  der  eigenartigste  Mensch  ist  darum  ganz 
natürlich  der  größte,  der  Mensch  des  höchsten 
Zweckes  und  des  weitesten  Zieles,  der  Befehlende, 
der  Gesetzgeber,  der  König. 
Die  antike  Persönlichkeit  ist  erfüllt,  gleichwie  der 
menschliche  Körper  ein  Erfülltes  ist,  gleich  dem 
Meere,  gleich  dem  Gestirne,  gleich  demTiere,  gleich 
der  Blume.  Sie  ist  nicht  persönlich,  sondern  im 
eigentlichen  Sinne  elementar.  Und  darum  ist  sie 
nicht  zu  entwurzeln,  weil  sie  im  Ganzen  ihre 
Wurzeln  hat  und  überall  an  ihren  Ursprung  rührt 
und  dem  Meer  und  der  Erde  und  den  Blumen  und 
Gestirnen  geheimnisvoll  verwandt  ist.  Schicksal 
ist  recht  eigentlich  ihre  Innigkeit,  und  was  sie  be- 
deutet, das  bedeutet  sie  nur  durch  ihr  Maß.  Also 
ist  es  ihr  weder  ein  Bedürfnis  noch  möglich,  über 
sich  selbst  hinauszukommen.^^  Sucht  das  Meer, 
suchen  die  Gestirne,  suchen  die  Blumen  über  sich 
selber  hinauszukommen?  Sie  sind  im  Ganzen,  und 
ihr  Geheimnis  liegt  in  ihrer  Bestimmtheit. 
Es  ist  eine  den  Romantikern  und  deren  mehr  skep- 
tischen Erben  geläufige  Anschauung  gewesen,  der 
große  Mensch  sei  im  Grunde  seines  Wesens  Dichter, 

62 


ein  Übermäßiger  und  Überflüssiger,  ein  Empörer 
und  Bekenner,  und  seine  Siege  und  Taten  seien 
seine  Gedichte.  Friedrich  Nietzsche  spricht  in 
einem  Briefe  einmal  von  Bismarck  als  ,,dem  einzigen 
Dichter  unter  den  Deutschen".  Für  Balzac  sind 
die  großen  Leidenschaftlichen,  was  immer  das 
Ziel  ihrer  Leidenschaft  sei:  Geld,  Frauen,  die 
Kunst,  die  Mathematik,  die  eigenen  Töchter  - 
für  Balzac  sind  diese  großen  Leidenschaftlichen 
alles  Dichter. 

Diese  Anschauung  ist  unantik,  denn  groß  im  an- 
tiken Sinne  ist  ein  Mensch  nur,  insoferne  als  er 
entspricht.  Der  größte  Mensch,  Caesar  oder  Napo- 
leon, entspricht  mehr  denn  die  anderen  der  ewigen 
Ordnung  der  Natur,  er  ist  unendlich  viel  selbst- 
verständlicher und  klarer  als  der  Mittelmäßige,  der 
durchaus  ungegliedert  und  undurchsichtig  und  aus 
keinem  Gesichtspunkt  zu  übersehen  und  über- 
haupt etwas  ganz  Zufälliges  ist,  weshalb  er  sich 
so  oft  durch  ein  Bekenntnis  zu  behaupten  oder  zu 
retten  oder  zu  übertreiben  sucht. 
Größe  im  antiken  Sinne  ist  angeboren,  und  wer 
eines  Menschen  Größe  ermessen  will,  soll  nicht 
nach  dieses  Menschen  Bekenntnissen  forschen, 
denn  das  Maß  der  menschlichen  Größe  ist  nicht 
im  Gefühle,  wie  die  ewig  Bekennenden  meinen, 

6} 


sondern  im  Gestirne,  welcher  Umstand  die  großen 
Menschen  auch  in  so  wunderbarer  Weise  schweig- 
sam macht.  Zuletzt  trennt  diese  Menschen,  die 
durchaus  Kraft  und  Wirkung  sind  und  sich  darum 
stets  überheben  und  einander  eigentlich  vernichten 
müßten,  doch  nur  eines:  deren  Gestirn.  Und  nur 
um  dieses  Gestirnes  willen  sind  die  Großen  einsam 
und  nicht  aus  Pathos  oder  Scheu.  ^^ 
Der  Zusammenhang  des  Vielfachen  im  Menschen 
und  das  Maß  im  Laufe  der  Planeten  sind  eines,  so 
haben  die  Alten  stets  Größe  begriffen.  Wir  Mo- 
dernen bewundern  die  Begeisterung  und  fühlen, 
daß  durch  sie  und  im  Begeisterten  die  Einheit  von 
Körper  und  Seele  hergestellt  sei  und  dem  Men- 
schen also  zur  Größe  nichts  fehlen  könne.  Die  Be- 
geisterung des  antiken  Menschen  ist  die  Kraft  und 
Tugend  seines  Gestirnes,  der  Mensch  ist  außer- 
stande, sich  über  sein  Gestirn  hinaus  zu  begeistern, 
und  so  mag  man  es  auch  erklären,  warum  nur 
wahrhaft  große  Menschen  in  ihrer  Begeisterung 
zugleich  nüchtern  zu  sein  verstehen. 
Es  ist  durchaus  das  Kennzeichen  des  großen  Men- 
schen, daß  er  leichter  denn  andere  aus  einem  Zu- 
stand in  einen  anderen  überzugehen  vermag,  daß 
sich  seine  Stimmungen  und  Affekte  rein  vonein- 
ander lösen  und  die  vielen  Lagen  und  Verfassungen 

64 


seines  Wesens  sich  nicht  ineinanderschieben  oder 
gegenseitig  aufheben.  In  ihm  sind  die  Freude,  der 
Schmerz,  die  Liebe,  der  Haß,  der  Schlaf,  das 
Wachen,  Sieg  und  Erschütterung  dicht  nebenein- 
ander. Diese  prachtvolle  Gliederung  und  Gelenkig- 
keit seiner  Natur  ist  nur  ein  Zeichen  davon,  daß  des 
großen  Menschen  Maß  und  Ordnung  das  Maß  und 
dieOrdnung der ganzenNatur sei.  Und nichtdavon, 
daß  er  ein  Schauspieler  und  Rollen  zu  tauschen 
fähig  sei,  wie  ein  indiskretes  Geschlecht  meint,  auf 
das  nur  der  Augenblick  zu  wirken  vermag. 
Und  nur  weil  er  groß  geboren  ist  und  nicht  als 
Dichter,  ist  der  Mensch  das  ,,Maß  der  Dinge",  wie 
die  Alten  sagten.  Und  nur  als  ein  solches  „Maß 
der  Dinge"  ist  er  einig  mit  sich  selber.  Und  darum 
könnte  er  die  Unendlichkeit  durchmessen,  ohne 
daß  er  sich  selber  begegnete  und  also  mit  sich 
selber  entzweite.  Wie  vermöchte  das  Maß  sich  mit 
sich  selber  zu  entzweien?! 
Und  doch  ist  auch  der  antike  Mensch  sich  selber 
begegnet  und  tut  es  immer  von  neuem:  in  der 
Tragödie,  im  Wahnsinn.  Hier  versucht  er  in 
Wahrheit,  sich  mit  sich  selber  zu  messen,  und 
also  muß  er  sich  vernichten  und  darferst  im  Tode 
Maß  und  Größe  finden. 
Tragödie  heißt,  daß  im  Ich,  in  diesem  einzelnen, 

65 


losgelösten,  vielleicht  außerordentlichen  Menschen 
kein  Maß  und  keine  Größe  sei,  und  das  ist  der 
Tragödie  tiefste  und  zugleich  menschlichste  Lehre. 
Der  antike  Mensch  —  hier  unterscheidet  er  sich 
vom  christlichen  —  sieht  von  außen  in  die  Welt 
hinein,  aus  einem  Hellen  in  ein  Dunkles.  Wie 
könnte  er  auch  in  dieser  gemessenen  Welt  des 
Kosmos  und  der  Tat  anders  als  von  außen  nach 
innen  sehen!  Nur  in  einer  unendlichen  Welt  sieht 
der  Mensch  von  innen.  Der  antike  Mensch  sieht 
von  außen  in  die  Welt  hinein,  wie  Jäger  und 
Krieger  zu  sehen  pflegen,  und  da  mußte,  sooft  er 
nicht  Beute  machen,  sondern  erkennen  wollte, 
seinem  Blicke  der  Mensch  unbegreiflich  und  dunkel, 
ja  toll,  verstört  und  wahnsinnig  erscheinen.  Wer 
von  uns  hat  noch  nicht  so  von  außen,  aus 
dem  Hellen,  einem  Menschen,  irgendeinem,  dem 
Nächsten,  in  die  Augen  gesehen  und  dort  tief 
drinnen  nicht  das  Ich,  nicht  Persönlichkeit,  kein 
Zieh  keine  Gestalt  und  kein  Maß,  sondern  eben 
das  Tolle,  Wirre  und  Wahnsinnige,  die  Gier,  ein 
Tierhaftes,  Dämonisches  erschrocken  erschaut?! 
Das  ist  eben  der  für  die  Tragödie  geborene,  maß- 
lose, ganz  losgebundene,  über  sein  Gestirn  hinaus 
begeisterte  Mensch,  dem  erst  im  Tode  Maß 
und  Größe  zu  finden  bestimmt  ist.  ^^ 

66 


DAS  KREUZ 

DAS  unterscheidet  den  christlichen  Menschen 
von  dem  antiken:  die  FeindesHebe.  Nichts 
anderes.  Es  soll  damit  noch  nicht  gesagt  sein,  daß 
der  christliche  Mensch  darum  der  bessere  sei,  nein, 
Feindesliebe  heißt,  daß  die  Liebe  maßlos  sei  von 
Anbeginn  und  ohne  Grenzen  —  nicht  groß,  son- 
dern maßlos  —  und  daß  dieser  christliche  Mensch 
nicht  gleich  dem  antiken  Menschen  groß,  sondern 
maßlos  geboren  wurde  mit  seiner  geheimnisvollen 
Feindesliebe.  Und  das  Gesetz  dieses  maßlosen 
Menschen  ist  dann  nicht  Stetigkeit,  sondern  Stei- 
gerung,- welche  gleichsam  in  der  Maßlosigkeit  for- 
miert erscheint,  und  der  Bund  dieser  Maßlosen  ist 
nicht  die  Freundschaft,  sondern  die  Liebe,  welche, 
wie  Jacob  Böhme  sagt,  ,,in  gewisser  Hinsicht 
mehr  ist  als  Gott". 

So  nun  dieser  Maßlose  sich  selber  zu  messen  sucht, 
fühlt  er  das  Fehlen  und  die  Schuld  ganz  unmittel- 
bar; man  darf  darum  s^gen,  daß  die  Schuld  das 
Maß  des  Maßlosen  sei  und  daß  es  für  den  Christen 
keine  andere  Größe  gäbe  als  die  Schuld.  Und  man 
ersieht  daraus,  daß  der  christliche  Mensch  anders, 
recht  eigentlich  verkehrt  mißt  und  daß  für  ihn  Ver- 
lust Gewinn  und  Flucht  Sieg  ist  um  dieser  Fein- 

67 


desliebe  willen  und  daß  im  wirklichen,  ganz  stren- 
gen Sinne  groß  und  erwachsen  nur  der  Sünder  sei, 
der  Empörer,  der  Schuldige,  der  Feind.  Der 
christliche  Mensch,  der  evangelische,  an  und  für 
sich  ist  nicht  groß,  sein  Wesen  ist  Innigkeit,  und 
zu  ihm  sind  die  Worte  gesagt  worden:  ,,So  ihr 
suchet,  werdet  ihr  finden."  Wer  will  hier  messen, 
wo  alles  Glück,  3i\\e  fortune,  in  der  Innigkeit  des 
Menschen  liegt!? 

Die  Schuld ^'-^  ist  das  Maß  des  Maßlosen,  das  heißt 
auch:  der  vaguen  Kreatur  wird  und  soll  dieser 
Begriff  fremd  bleiben.  Die  vague  Kreatur  ist  ohne 
diese  Schuld,  und  man  soll  sie  ihr  darum  nicht  ein- 
reden. Schuld  ist  Größe. ^^  -^ 
In  der  Schuldlosigkeit  des  antiken  Menschen  liegt 
dessen  Harmonie,  und  durch  diese  Schuldlosigkeit 
ist  der  antike  Mensch  kräftig  und  groß  und  den 
Elementen  verwandt.  Der  antike  Mensch  braucht, 
möchte  man  sagen,  nicht  die  Schuld  und  das 
Fehlen,  er  braucht  nicht  den  Feind,  um  zu  er- 
messen, wie  groß  ein  Mensch  sei,  und  das  macht 
ihn  heimisch  und  stark  in  seinem  Lande.  Seine 
ganze  Ursprünglichkeit  liegt  in  dieser  Harmonie, 
und  ein  unharmonischer  Mensch  ist  gar  nicht  ur- 
sprünglich oder  interessant  oder  schöpferisch,  son- 
dern eben  nur  unzulänglich  und  unentsprechend 

68 


und  wie  ein  Fremder.  Es  ist  notwendig,  hier 
modern-empfindsame  Vorstellungen  nach  Möglich- 
keit zu  zerstören  und  zu  betonen,  daß  Harmonie 
recht  eigentlich  die  Ursprünglichkeit  von  Söhnen 
der  Sonne  sei  und  nichts  mit  der  ,, Ausgeglichen- 
heit" eines  modernen  Philisters  zu  tun  habe.  Die 
unmittelbare  Äußerung  dieses  harmonischen  Men- 
schen ist  die  Tat:  auch  was  er  leidet  und  was  er 
denkt,  das  tut,  das  handelt  der  harmonische 
Mensch. ^^  Und  er  handelt  nicht  groß,  indem  er 
sich  überwindet,  sondern  darin,  daß  er  seiner  Be- 
stimmung folgt.  Und  seine  Bestimmung  ist  nicht 
in  seiner  Person,  sondern  im  Gesetze  einer  Fa- 
milie, eines  Staates,  einer  Religionsgemeinschaft, 
im  Gesetze  des  Weltalls  und  der  Natur.  Das  ist 
es:  der  antike  Mensch  in  diesem  weiten  Sinne,  den 
ich  ihm  gebe,  handelt  aus  Bestimmung  und  nicht 
aus  Verzweiflung"  und  vermag  darum  seines 
eigenen  Wirkens  froh  zu  werden.  (Es  muß  hier 
auf  der  Stelle  bemerkt  werden,  daß  der  indiskrete 
Mensch  eine  ganz  unmännliche  Vorstellung  von 
Tat  hat.  Es  ist,  als  wollte  er  sich  selber  los  wer- 
den durch  die  Tat  und  als  müßte  ihn  die  Tat  ver- 
brauchen, wenn  sie  Wert  haben  solle.  Der  indis- 
krete Mensch  ist  ohne  Bestimmung,  und  darum 
ist  seine  Tat  wie  die  Tat  des  Schauspielers  und 

69 


kommt  übermütig  aus  dem  Herzen  eines  Fei- 
gen.) 

Der  maßlose,  der  christliche  Mensch  kann  sich 
durch  keine  Tat  ermessen  und  vollenden.  Was 
immer  er  tut,  kommt  nicht  bis  an  das  Ziel  und 
dringt  nicht  ein,  denn  die  Tat  des  Maßlosen  ist 
willkürlich,  oder  sie  ist  unecht  und  gemein.  Jeder- 
mann handelt  wie  der  Maßlose  und  tut  die  ihm 
fremde  Tat.  Nur  als  Unrecht  und  Verbrechen  und 
Verrat  hat,  muß  man  sagen,  die  Tat  des  Maßlosen 
Maß  und  Wert,  und  in  einem  entsetzlichen,  ein- 
zigen Sinne  ist  der  Christ  zum  Verbrecher  ge- 
boren. 

Und  darum  handelt  er  nicht,  und  darum  leidet  er. 
Nicht  aus  Pathos  oder  Empfindsamkeit,  sondern 
um  nicht  vermessen  zu  sein.  Um  das  Maß  zu  haben. 
Um  zu  entsprechen.  Um  nicht  ausgeschlossen  und 
falsch  zu  sein.  Man  vergißt,  daß  der  christliche 
Mensch  nur  leidet,  weil  er  das  Maß  nicht  hat,  weil 
er  ohne  dieses  Leiden  wie  ein  Verstoßener,  wie  ein 
Abgefallener,  wie  ein  Fremdling  wäre,  dessen 
Sprache  niemand  spräche.  Man  vergißt,  daß  Leiden 
weniger  ein  Verdienst  bedeute  als  daß  es  ein  Maß 
sei,  ein  Weg;  nichts  anderes,  nichts  Besonderes, 
wäre  man  versucht  zu  sagen.  Nur  ein  Weg,  um 
von  außen  nach  innen  zu  kommen. 

70 


Die  großen  Taten  des  antiken  Menschen  sind  zu- 
letzt die  Gesetze.  Die  Handlungen  der  Könige  und 
der  Helden  folgen  einem  Gesetze  auch  dort,  wo 
sie  gegen  ein  anderes  verstoßen,  und  sind  also  nur 
in  ihrer  Gesetzlichkeit  groß.  Sie  sind  unpersönlich. 
Der  König,  der  nur  dem  Gesetze  seiner  Persön- 
lichkeit folgt,  ist  nicht  so  sehr  ein  Tyrann  wie  ein 
Hanswurst  und  ein  Unglück  zugleich.  Es  heißt 
unter  Indiskreten  oft  sehr  vague,  Tyrannennaturen 
gehorchten  nur  ihrer  Persönlichkeit  oder  strebten 
danach,  ihre  Persönlichkeit  zu  verwirklichen.  Die 
Wahrheit  ist,  daß  der  Tyrann  wie  kein  anderer 
nach  dem  Gesetze  dürstet  und  daß  auch  er  nicht 
seinem  Ich,  sondern  dem  Gestirne  folgt  und  daß 
auch  seine  großen  Taten  an  dem  Laufe  der  Pla- 
neten gemessen  und  darum  stets  fatal  und  niemals 
gemein  sind. 

Die  große  Tat  des  maßlosen  Menschen  ist  dessen 
einzige.  Keine  andere  vor  ihr  oder  nach  ihr  hat 
Wert  und  Gültigkeit.  Es  ist  die  Nicht-Tat  oder 
das,  was  der  hl.  Paulus  die  Umkehr  nennt. 
Es  ist  gut,  zuerst  uns  der  großen  Taten  von  Königen 
und  Eroberern  erinnert  zu  haben,  bevor  wir  die 
Umkehr  nennen,  denn  nur  der  große,  der  ur- 
sprüngliche Mensch  vermag  umzukehren.  Oder 
besser:  die  Umkehr  ist  das  eine  Maß,  das  eine 

71 


Gesetz,  die  eine  Größe  des  maßlosen  Menschen, 
des  Christen.  Gleichwie  der  Tyrann  seinem  Ge- 
stirn folgen  muß,  um  Anfang  und  Ende  zu  haben, 
so  muß  der  christliche  Mensch  umkehren,  um  zu 
wissen,  was  ist.  Auch  er  haßt  das  Gemeine  und 
Vague,  er  haßt  den  Teil,  den  Vergleich,  den  Ver- 
such, auch  er  will  das  Bestimmte,  das  Unverrück- 
bare, das  Unvergleichliche,  und  darum  muß  er 
zurück  in  den  Ursprung:  um  also  gemessen  und 
bestimmt  zu  sein.  Im  Guten  allein  ist  kein  Maß, 
oder  das  Gute  ist  oft  das  Böse.  Wer  kennt  den 
Anfang  und  das  Ende  des  Guten  und  des  Gesetzes!  ? 
Er  muß  zurück  und  sich  selber  verwirken,  um 
zu  sein  ... 

Es  ist  schwer,  von  diesem  Umkehrenden  zu 
sprechen.  Ein  indiskreter  Mensch  vermag  nicht 
umzukehren,  das  muß  gleich  gesagt  werden.  Er 
bricht  entzwei.  Oder  er  bleibt  enttäuscht.  Und 
dann:  die  Größe  dessen,  der  über  sein  Schicksal 
nicht  hinaus  kann,  hat  etwas  Verzehrendes,  und 
um  einen  so  großen  Menschen  ist  das  furchtbare 
Schweigen  der  Elemente  und  Gestirne.  Wer  wird 
sich  in  Gaesar  oder  in  Napoleon  sehen?  Wer  nun 
umgekehrt  ist,  der  ist  wie  ein  Spiegel,  und  wir 
selber  sind  in  ihm  wie  in  einem  Spiegel. 
Oft  glaubt  man  im  Orient,  auf  ihn  mit  dem  Finger 

72 


weisen  zu  können.  Es  ist  einem  unter  Hindus  zu- 
weilen, als  sei  er  leibhaft  da  und  sichtbar  mitten 
unter  den  vielen  Menschen  auf  der  Straße,  den 
Brücken,  dem  Markte,  dem  Bahnhof,  vor  Tempeln, 
in  den  Teichen  badend:  dieser  äußerste,  dieser 
grenzenlose  Mensch,  ich  meine,  so  sieht  man  den 
Wundertäter  mit  Augen  vor  sich:  als  einen  plötz- 
lichen, äußersten,  grenzenlosen  Menschen.  Wäh- 
rend wir  suchen,  geht  er  den  Weg,  und  indem  er 
ihn  geht,  entsteht  der  Weg  unter  seinen  Füßen, 
und  diese  Bahn  ist  sein  Maß.  Der  Yoghi  schreitet 
sein  Maß.  Er  sieht,  hört,  riecht,  schmeckt  und 
atmet  sein  Maß.  Und  dieses  Maß  ist  seine  Hand- 
lung, und  seine  Handlung  ist  sein  Körper,  und 
sein  Körper  ist  die  Erde  und  alle  Planeten  und 
die  Sonne.  So  mißt  der  Yoghi,  und  so  groß 
ist  er.-'' 

Auch  unter  uns  lebt  er:  der  Umkehrende.  Stets 
mitten  unter  uns.  Ganz  heimlich,  ja  versteckt  in 
jedem  ohne  Unterschied:  im  Glücklichen  und  im 
Betrübten,  im  Bettler  und  im  Stolzen,  in  der  Dirne 
und  im  Reinen.  Man  muß  ihn  den  verborgenen, 
den  heimlichen  Menschen  nennen.  Er  ist  genau 
der  Mensch,  der  nicht  mehr  ,,das  Maß  der  Dinge'' 
ist,  der  Arme.''"  Wer  wird  sich  mit  dem  Maße 
des  Armen  messen  wollen !  ?  Sein  Maß  ist  Spannung. 

73 


Die  christliche  Armut  ist  die  größte  Spannung 
zwischen  dem  Menschen  und  Gott.  Von  einem 
also  gespannten  Menschen  darf  man  nicht  sagen, 
daß  er  groß  sei,  denn  der  also  gespannte  Mensch 
ist  nicht  groß,  sondern  wirklich.  Der  Arme  ist  der 
wirkliche  Mensch.  Der  antike  Mensch  ist  stolz, 
mächtig,  reich,  ein  Führer  und  großer  König  oder 
ein  großer  Frevler,  er  ist  groß,  aber  nicht  wirklich. 
Nicht  in  diesem  einzigenSinne  des  Gespannten. '^^ 
Das  haben  die  großen,  leidenschaftlichen  Christen 
stets  empfunden  und  auszudrücken  versucht:  dieses 
Unwirkliche  des  antiken  Menschen,  und  daß  der 
Große  nahe  war,  doch  nicht  drinnen,  und  daß  das 
Maß  des  antiken  Menschen  nur  die  Nähe  des  Gött- 
lichen, die  Ahnung,  das  Wort  und  nicht  dessen 
Zunge  und  Gesicht,  daß  endlich  der  Mensch  durch 
sein  Maß,  durch  seine  Größe  sich  selber  nur  nahe 
und  noch  nicht  in  sich  selber  wirklich  gewesen 
wäre.  Auch  der  große  Gegenstand  des  Helden  wäre, 
so  fühlten  sie,  ohne  es  sagen  zu  können,  nur  Nähe. 
Erst  der  christliche  Mensch  hat  diesen  großen 
Gegenstand  draußen  verloren  und  in  sich  selber 
wiedergefunden.  So  muß  er  sich  stets  und  ewig 
mit  sich  selber  messen,  und  also  ist  seine  Größe 
und  sein  Maß  nicht  mehr  in  der  Harmonie,  son- 
dern in  der  Transfiguration ,  und  sein  Ziel  nicht 

74 


mehr  die  Macht  über  sich  selber,  sondern  die  Voll- 
kommenheit. 

Es  muß  noch  betont  werden,  daß  dieser  christ- 
liche, dieser  leidende  Mensch,  der  nach  der  Voll- 
kommenheit strebt,  eigentlich  niemals  mißt  gleich 
den  anderen,  sondern  daß  sein  Maß  eben  das  keines 
anderen,  daß  sein  Maß  darum  subtil  ist.  Es  muß 
hier  gesagt  werden,  daß  derhandelnde,der  mächtige 
Mensch  sich  durch  Subtilität  teilen  und  endlos, 
unwirklich,  klein,  ja  lächerlich  werden  müßte  oder 
daß  die  Subtilität  des  handelnden  Menschen  Ver- 
kehrtheit und  Aberglaube  und  Mangel  an  Glück 
wäre.  Nur  der  leidende  Mensch  ist  auf  die  rechte 
und  gesetzliche  und  eigene  Weise  subtil.  Das 
heißt:  die  Subtilität  des  Leidenden  ist  wahrhaft 
Fülle  und  Angemessenheit,^^  sie  ist,  möchte  man 
sagen,  der  Körper  und  der  Stoff  des  Leidenden 
und  des  Sehers.  Sie  ist  im  Auge,  im  Schauen  des 
Leidenden  drinnen  gleichwie  das  Glück  im  Laufe 
und  in  der  Bahn  eines  Planeten. 


75 


DAS  MASS 

DER  historische  Mensch  handelt  groß,  der 
mythische  ist  groß.  Das  heißt:  das  Maß  ist 
noch  nicht  aus  dem  mythischen  Menschen  heraus- 
getreten, vielmehr  diesem  einverleibt  und  steckt  in 
ihm  wie  im  Manne  die  Zeugungskraft,  und  dem 
Sohn  eignet  darum  stets  die  Größe  des  Vaters. 
Man  darf  sagen,  daß  zwischen  dem  mythischen 
Menschen  und  Gott  nicht  das  Maß  und  Gesetz  sei, 
sondern  der  Mensch  selber,  daß  dieser  mythische 
Mensch  den  Weg  zu  Gott  mit  sich  selber  messe, 
gleichwie  der  indische  Büßer  die  Pilgerfahrt  nach 
den  heiligen  Stätten  und  Seen  des  Himalaja  mit 
seiner  eigenen  Körperlänge  mißt. 
Ein  historischer  König  ist  groß,  weil  im  Geiste 
der  Menschen  ein  Begriff  von  menschlicher  Größe 
lebt,  er  ist  groß  um  der  Größe  willen ;  der  mythische 
König  ist  groß  um  seiner  selbst  willen,  von  An- 
fang bis  zu  Ende.  Die  Größe  in  diesem  ist  wie  der 
Wille  und  Stachel  der  Natur,  und  sie  gehört  zu  ihm 
wie  sein  Leib,  ja  man  kann  wohl  sagen,  sie  ist 
sein  Leib  und  der  Stoff  seiner  Seele.  Er  ist  nicht 
groß  um  der  Taten  willen,  sondern  die  Quelle  und 
der  Inbegriff  alles  Geschehens,  und  sein  Maß  ist 
das  Maß  seines  Willens  und  seiner  Kraft.''' 

76 


Die  Größe  der  von  den  Göttern  unmittelbar  mit  den 
höchsten  Gaben  beschenkten  Könige  auf  den  Re- 
Hefs  der  Tempelmauern  von  Karnak  und  Luxor 
ist  unzweifelhaft  wie  ein  Gesetz  und  eine  große 
Zahl,  und  gleich  der  Zahl  oder  gleich  dem  Gesetze 
in  keinem  Falle  gegen  sich  selber  gerichtet.  Und 
so  haben  die  gläubigen  Bildhauer  sie  auch  dar- 
gestellt: ganz  groß  wie  große  Zahlen  und  große 
Puppen,  mit  sich  selber  einig,  groß  wie  Helden- 
gedichte und  lange  Aufzählungen  von  Schlachten, 
groß  wie  Sinnbilder,  wie  am  Staunen  der  Men- 
schen emporgeschossen,  und  als  ob  mit  ihrem 
Königsleibe  stets  auch  das  Maß  der  Menschen 
wüchse,  lächerlich,  ganz  kindisch  und  unmensch- 
lich groß. 

Die  Größe  dieser  mythischen  Menschen  würde 
mich  hier  nicht  beschäftigen,  wenn  Mythologie  für 
immer  vorbei,  wenn  nicht  stets  von  neuem  ein 
Mensch  so  ganz  gegen  unsere  Begriffe,  gegen 
unser  Augenmaß,  so  ganz  kindisch  groß  wäre  wie 
einer  der  alten  Könige  von  Theben,  denn  trotz 
aller  Geschichte  und  Entwicklung  reicht  immer 
wieder  ein  Mensch  mit  seiner  ganzen  eigenen  Tor- 
heit unmittelbar  an  die  Götter  und  ist  groß  von 
Anfang  bis  zu  Ende,  groß,  wie  Dinge  groß  sind, 
groß  wie  Zahlen,  wie  Gesetze. 

77 


Es  kommt  natürlich  alles  darauf  an,  daß  die  Tor- 
heit nicht  abgezogen,  daß  der  ganze  Mensch  von 
oben  bis  unten  gemessen  werde,  daß  kurz  nichts 
fehle  zugunsten  der  Ordnung  oder  allgemeiner 
Ideen  oder  der  Geschichte.  In  der  Mythologie  ist 
nämlich  stets  alles  zusammen  und  auf  einmal  da, 
was  in  der  Geschichte  verteilt  ist,  und  in  der 
Mythologie  gilt  der  Leib  so  viel  wie  die  Seele. 
Die  ,, unsterbliche  Seele"  ist  überhaupt  nur  eine 
Schöpfung  der  Geschichte. 
Sören  Kierkegaard  war  so  gegen  alles  Augenmaß 
groß,  nicht  nur  tief,  scharfsinnig,  witzig,  umfassend 
wie  wenige  Menschen  aller  Zeiten.  Mit  seiner 
Tiefe,  seinem  Scharfsinn,  seinem  Witze  und  allen 
anderen  Qualitäten  wäre  er  noch  nicht  aus  der 
Historie  herausgetreten  und  über  jeden  Vergleich 
hinausgekommen,  wie  überhaupt  ein  Mensch  weder 
durch  seine  Tiefe  noch  durch  seinen  Scharfsinn 
oder  sonst  eine  Geistestugend  im  höchsten  Sinne 
mit  sich  selber  einig  ist,  welche  Einigkeit  ja  ohne 
Frage  Größe  erst  bedingt.  Nein,  Kierkegaard  war 
gleich  den  mythischen  Königen  nicht  ohne  Tor- 
heit und  nicht  ohne  Stachel  groß.  Er  war  groß 
und  im  höchsten  Sinne  mit  sich  selber  einig  durch 
eine  höchst  absurde,  von  seiner  eigenen  Vernunft 
in    jedem    Augenblick    widerlegte    und    seinem 

78 


eigenen  ganz  maßlosen  Verstände  untergrabene 
Annahmeeines  höchst  eigensinnigen,  boshaft  wach- 
samen Gottes,  durch  etwas,  das  nicht  gar  weit 
vom  Höllenglauben  eines  alten  Weibes  entfernt  ist, 
durch  etwas,  was  jeden  anderen  ,, geistvollen'', 
,, historischen",  ,, entwicklungsfähigen''  Menschen 
lächerlich  gemacht,  ja  vernichtet  hätte.  Sören 
Kierkegaard  war  nun  trotz  dieses  Glaubens,  ja  in 
einem  tiefen,  mythischen  Sinne  durch  ihn  groß,^^  so 
lächerlich  groß  und  langgestreckt  wie  die  my- 
thischen Könige,  so  zwei-  bis  drei-  bis  viermal 
größer  als  er  selber  und  seinesgleichen,  genau  wie 
die  mythischen  Könige.  Gleich  diesen  war  er  groß 
geboren,  und  dem  riesengroßen  Körperbau,  dem 
Götterleib  der  Könige  —  denn  das  waren  sie 
schließlich:  Götter,  und  die  Götter  waren  Könige 
—  ich  sage:  dem  durchaus  unvergleichlichen  Götter- 
leib der  Könige  entspricht  des  einzigen,  tiefsinnigen 
und  unglücklichen  Mannes  Aberglaube  und  Tor- 
heit, als  welche  hier  wahrhaftig  die  Stimme  des 
Blutes,  das  Blut  seines  großen  und  gottgepeinigten 
Vaters,  als  welche  überhaupt  sein  eigener  kranker 
und  gezeichneter  Leib  ist. 
Geschichte  im  weitesten  Sinne  des  Wortes  beginnt 
damit,  daß  der  dem  Menschen,  wie  ich  sagte,  ein- 
verleibte Maßstab  und  Begriff  von  Größe  aus  dem 

79 


Menschen  heraustritt  und  also  gemeinsam  wird. 
Ohne  einen  solchen  gemeinsamen  Maßstab  und  Be- 
griff ist  Geschichte  gar  nicht  möglich  oder  müßte 
immer  wieder  zerrinnen  und  unwahr  werden.  Mit 
anderen  Worten:  nur  um  dieses  gemeinsamen 
Maßes  und  Begriffes  willen  ist  historische  Größe 
erst  gültig  und  gesichert,  weshalb  die  Sorge  eines 
Volkes  um  seine  Geschichte,  um  Tradition  und 
Kontinuität  stets  auch  die  Sorge  um  die  Größe 
und  das  Maß  war.  Es  ist  auch  unter  Menschen 
eine  gewisse  Angst  nicht  zu  verkennen,  daß  Ge- 
schichte fehlen  und  der  Zusammenhang  des  Ge- 
schehens reißen  könnte,  da  damit  der  Maßstab  ver- 
loren gehen  müßte,  an  und  mit  welchem  die  Men- 
schen gemessen  und  gerichtet  werden  könnten. 
Kein  historisches  Ganze  hat  diese  Angst  zu  allen 
Zeiten  so  deutlich  empfunden  wie  die  katholische 
Kirche,  und  aus  dieser  Angst  heraus  muß  man 
ihren  ununterbrochenen  Kampf  gegen  die  ge- 
schichtslosen  Mächte  der  Mystik  und  des  Quietis- 
mus  verstehen.  Die  Größe  eines  Mystikers  ist  un- 
gültig, da  dieser  es  unternimmt,  ohne  Maß  zu  leben 
oder  sein  Maß  nur  in  der  Hingabe  finden  will.  Die 
Demut  des  Mystikers  ist  also  nicht  groß,  sondern 
unbegrenzt,  das  heißt :  sie  grenzt  stets  an  den  Hoch- 
mut und  kann  alle  Augenblicke  in  diesen  um- 

80 


schlagen,  worin  in  der  Tat  das  liegt,  was  man  die 
Zweideutigkeit  des  Mystikers  nennen  muß.  Es  ist 
nun  im  Wesen  des  Dogmas  und  damit  in  dem 
einer  Kirche,  daß  beide  sich  bemühen,  diese  psycho- 
logische Zweideutigkeit  in  einen  moralischen  Zwie- 
spalt zu  verwandeln,  und  damit  den  Menschen  aus 
einem  einsamen  in  ein  historisches  Dasein  zu 
bringen  suchen. 

Wenn  also  historische  Größe  nur  um  eines  gemein- 
samen Maßstabes  willen  möglich  ist,  so  heißt  das 
so  viel,  wie  daß  sie  niemals  ohne  Kampf,  ohne 
diesen  Zwiespalt  verwirklicht  werden  kann.  Die 
mythischen  Könige  sind  groß  wie  Gebirge  und 
von  der  Kraft  der  Löwen,  weil  sie  ohne  Zwie- 
spalt sind.  Ein  Mensch,  der  fünfmal  das  Maß  des 
Menschen  oder  wie  die  indischen  Götter  drei  Köpfe 
und  neun  Arme  hat,  ist  ohne  Zwiespalt  da.  Der 
historische  Mensch  ist  groß  und  klein  zugleich 
und  also  im  Zwiespalt  um  der  Größe  willen.  Ohne 
diesen  Begriff  der  Größe  würde  er  nie  aus  einer 
gewissen  Zweideutigkeit  herauskommen. 
Der  Zwiespalt  ist  ja  nur  die  Folge  des  aus  dem 
Menschen  herausgetretenen,  gemeinsam  geworde- 
nen Maßes,  und  den  Zwiespalt  vor  der  Zeit  stillen 
heißt  oft  den  Menschen  der  Möglichkeit  von  Größe 
berauben.    Zu  beklagen  sind  darum  nicht  die  ein- 


zelnen  Menschen  und  Völker,  die  im  Zwiespalt  sind, 
sondern  jene,  die  darin  verharren  ohne  einen  Be- 
griff von  menschlicher  oder  göttlicher  Größe,  denn 
diese  sind  wahrhaft  zerrissen  und  unfruchtbar  und 
können  nur  in  der  Mittelmäßigkeit  den  Schein  eines 
Maßes  und  einer  Einheit  gewinnen.  Wenn  nun  die 
katholische  Kirche  mit  ihrem  sicheren  Instinkt  für 
Geschichte  und  Herrschaft  den  Zwiespalt  zwischen 
Leib  und  Geist  nährt,  so  ist  es  ihr  wahrhaftig  nicht 
so  sehr  um  die  Antithese  zu  tun  wie  darum,  daß 
dieser  Kampf  den  großen  Begriff  vom  Menschen 
stärke  und  der  Zwiespalt  die  Einheit  —  das  große 
Maß  —  erhalte,  da  —  noch  einmal  —  eine  Ein- 
heit auf  historischem  Boden  niemals  ohne  Zwiespalt 
zu  erreichen  ist  und  nur  im  Mythos  sich  selber 
produziert. 

Jeder  Zwiespalt  und  Konflikt  ist  sozusagen  histo- 
risch, d.  h.  verläuft  in  der  Geschichte,  weshalb 
einem  Volke  oder  einem  Staate  Geschichte  erhalten 
so  viel  heißt,  wie  diesem  Volke  Konflikte  schaffen 
und  auf  diese  Weise  für  den  großen  Begriff  vom 
Menschen,  vom  Gesetze,  vom  Rechte  sorgen,  was 
freilich  geschworenen  Monisten  nur  schwer  ein- 
leuchten mag. 

Da  stets  von  neuem  unter  Menschen  nach  der  Größe 
und  dem  Maße  der  historischen  Persönlichkeit  ge- 

82 


fragt  wird  —  es  ist  um  dieses  großen  Begriffes 
vom  Menschen  willen  nicht  zu  vermeiden,  daß  wir 
sie,  daß  wir  die  Individualität  eines  Mohammed, 
eines  Cäsar,  eines  Napoleon  über-  oder  unter- 
schätzen, da  Individualität  als  solche  eben  nur 
Kraft  und  Wirkung,  Wirkung  ins  Unendliche  und 
Ungemessene  und  darum  im  tiefsten  Grunde  tra- 
gisch ist.  Historische  Größe  ist  stets  repräsen- 
tativ und  ohne  Stachel,  und  es  ist  darum  höchst 
überflüssig  und  ein  ganz  sicheres  Zeichen  von 
Geistlosigkeit,  durch  alle  Schuld  und  alle  Mittel 
zu  dem  durchdringen  zu  wollen,  was  man  das 
wahre  Wesen  der  historischen  Persönlichkeit  nen- 
nen möchte. 

Die  mythische  Persönlichkeit  ist  nicht  repräsentativ 
und  darum  im  tiefsten  Sinne  unschuldig.  Und  so 
ist  ihr  die  höchste  Gabe  der  Verwandlung  gegeben, 
die  nur  Unschuldigen  zuteil  wird.  Ein  Gott  ver- 
mag sich  nur  in  der  Verwandlung  zu  ermessen, 
niemals  durch  Repräsentation. 
Es  kann  nicht  übersehen  werden,  daß  der  moderne 
Mensch  in  seinem  Streben  nach  Gegenwart  immer 
weniger  Geschichte  lebt,  zumal  auch  eine  bessere 
Kenntnis  der  Naturundüberhauptdas  mehrwissen- 
schaftliche Interesse  an  den  Dingen  sein  historisches 
und  politisches  gelähmt  hat,  so  daß  Menschenge- 

83 


schichte  immer  mehr  ein  Teil  der  Naturgeschichte 
geworden  ist. 

Die  Frage  ist  nun  die,  woran  wir  diesen  un- 
historischen, unpoHtischen,  ganz  gegenwärtigen, 
recht  eigentUch  grenzen-  und  wehrlosen  Menschen 
messen,  wo  wir  seine  Größe  suchen  sollen,  und  ob 
es  überhaupt  noch  einen  Sinn  hat,  von  Größe  zu 
reden  dort,  wo  ein  bestimmtes  Maß  nicht  zu  er- 
warten ist. 

Ein  Kaiser  ist  groß  als  Kaiser,  seine  kaiserlichen 
Handlungen  zählen  und  nicht  die  seines  privaten 
Lebens,  das  heißt  historisch  und  politisch  sehen; 
und  es  ist  lächerlich,  nicht  so  sehen  zu  wollen, 
da  ja  die  Nationen  ihre  Größe  dem  Umstände  ver- 
danken, daß  sie  so  gesehen  haben.  Nun  hat  es  aber 
stets  Kaiser  gegeben,  die  in  jedem  Augenblicke, 
in  jeder,  in  der  kleinsten  Handlung  kaiserlich  waren 
und  nichts  so  sehr  scheuten  und  als  fremd  und  un- 
wahr empfanden  wie  das  Private,  wie  das  Persön- 
liche: an  diesen  heimlichen  Kaisern  ist  nun  das, 
was  bei  den  großen  öffentlichen  Repräsentation  war, 
ganz  und  gar  Vision  geworden.  ^^ 
Der  moderne  Mensch  repräsentiert  nicht,  und  sein 
Maß  ist  darum  im  Gleichnis,  und  es  gibt  für  den 
heimlichen,  ewig  gegenwärtigen  Menschen  keine 
andere  Größe  als  die  Größe  der  Vision.  Sie  stößt 

84 


die  Quelle  des  großen  Seins  im  Menschen  auf,  und 
nur  so  gilt  die  Vision,  und  ein  solcher  Mensch  ist 
dann  im  antiken,  im  ewigenSinne  heilig'' gleich  den 
Kindern,  gleich  den  Tieren.  Er  ist,  muß  man  sagen, 
durch  seine  Vision  geschützt  und  undurchdringlich. 
Und  ihm  eignet  die  Größe  der  ersten  Menschen, 
die  den  Tod  nicht  kannten  und  also  wahrhaft  un- 
erschrocken inmitten  aller  Dinge  und  Wesen  lebten. 


85 


DER  GOTT  UND  DIE  CHIMÄRE 

SOOFT  ich  in  Paris  bin,  versäume  ich  es  niemals 
zu  den  Chimären  von  Notre-Dame  hinauf- 
zusteigen. Ich  kenne  sie  alle,  wie  man  seine  eigenen 
Hunde  kennt,  und  gehe  oben  die  Brüstung  entlang 
von  einer  zur  anderen  und  rühre  keine  an.  Da  ist 
gleich  die  eigentliche,  die  berühmte  Chimäre,  der 
bittere  Greif  mit  dem  vom  Wahnsinn  wie  ausge- 
höhlten Blick  und  den  beiden  weichen,  weißen,  ohn- 
mächtigen Menschenhänden, die  wieaus  dem  Fleisch 
der  Lilie  geschnitten  sind.  Dann  das  Käuzchen  mit 
seinem  Gefieder  wie  ein  Bahrtuch,  daneben  der 
Adler  mit  dem  Entenschnabel,  der  Panther,  dem 
die  Gier  im  Maul  geronnen  ist  und  der  nun  ver- 
sucht, sie  auszuspeien.  Ich  will  nicht  alle  auf- 
zählen, es  sind  welche  da,  die  kein  Name  faßt.  Un- 
endlich rührend  unter  allen  ist  nur  der  kleine  Elefant, 
er  macht  so  entsetzlich  kluge  Augen,  damit  der 
Irrsinn  ihn  nicht  vollends  packe,  der  auch  ihn  hier 
in  diesem  bösen  Lande  leise  berührt  und  seine  dicke, 
gute  Haut  erschauern  macht.  Und  unter  den  vielen 
Tiergestalten  istauchwieaufgescheuchtein  Mensch, 
noch  viel  mehr  erschrocken  als  die  Tiere  und  noch 
lange  nicht  so  erschrocken  wie  unglücklich. 
Ich  habe  das  Gefühl  verloren,  vor  Kunstwerken 

86 


und  Gebilden  menschlicher  Imagination  zu  stehen; 
mir  ist  dort  oben,  als  wäre  ich  mit  lebendigen 
Wesen  zusammen,  die  zu  Stein  geworden  sind 
und  nun  nicht  mehr  von  sich  loskönnen.  Da  beißt 
ein  Flußpferd  —  es  ist  gewiß  nicht  ganz  genau  ein 
Flußpferd,  sondern  so  wie  einem  im  Traume  das 
Flußpferd  vorkommen  mag  —  da  beißt,  sage  ich, 
ein  Flußpferd  einem  auf  den  Hinterbeinen  sitzen- 
den Ochsen  in  den  Hals,  und  im  Biß  haben  sich 
das  Maul  und  der  Hals  versteinert,  und  so  hält 
nun  ewig  das  Maul  aus  Stein  den  steinernen 
Hals.  Dort  ist  ein  Bein  im  Schreiten,  hier  das 
Grinsen  eines  Affen  oder  ein  Schnabel  im  Schreien 
zu  Stein  geworden,  und  nun  können  der  Schritt 
und  der  Schrei  nicht  aus  der  Chimäre  heraus  und 
verzerren  sie.  Und  so  steckt  —  möchte  man 
sagen  —  alles  in  der  Chimäre,  jede  Leidenschaft, 
jedes  Streben,  jede  Empfindung  und  kann  nicht 
heraus,  da  die  Chimäre  in  einer  vollkommen  leeren, 
luftlosen  Welt  lebt. 

Es  sieht  freilich  so  aus,  als  blickten  diese  Chimären 
auf  Paris  herunter,  auf  die  vielen  Leute,  die  in 
die  Kathedrale  treten,  vielleicht  auf  ganz  bestimmte, 
die  jeden  Tag  zu  bestimmter  Stunde  kommen,  viel- 
leicht auch  auf  solche,  die  heute  zum  ersten  Male  zu 
sehen  sind.  Es  sieht  so  aus,  und  man  sagt  es  gerne 

87 


nach,  und  alle  Pariser  glauben  es  so,  doch  in  Wahr- 
heit starren  die  Chimären  in  den  Abgrund:  wohin 
immer  sie  ihre  Blicke  richten,  dort  tut  sich  vor 
diesen  der  Abgrund  auf.  Und  jedes  Ding,  das  sie  mit 
ihrem  gierigen  und  zugleich  entsetzten  Blick  halten 
wollen,  versinkt  in  diesem  Abgrund.  Und  so  haben 
die  Chimären  nicht  nur  Männer  und  Frauen  und 
Paris,  sondern  alle  Städte  und  Erden  und  Meere 
und  den  gestirnten  Himmel  darin  verloren.  Gleich- 
wie ein  Mensch  mit  einem  großen  Gram  oder  voll 
Haß  und  Neid  ein  Ding  nach  dem  andern,  blühende 
Tage  und  stille  Nächte  in  diesen  Gram,  in  diesen 
Haß  und  Neid  verliert. 

Chimären  sind  ohne  Geschlecht  und  Samen,  wes- 
halb ihre  Zahl  gleich  unendlich  ist,  doch  wer  sie 
recht  ins  Auge  nimmt,  wird  gewahr,  daß  ihr  Ge- 
schlecht und  ihre  Scham  auf  den  ganzen  Leib  ver- 
teilt, daß  also  dieser  Leib  überall,  an  der  Stirn, 
am  Schnabel,  an  den  Armen  und  Pfoten  und  Füßen 
schamlos  und  im  eigentlichen  Sinne  ungestaltet 
ist.  Vor  den  Chimären  erfährt  der  menschliche 
Sinn,  wie  wunderbarScham  und  Gestalt  zusammen- 
hängen und  daß  nur  das  Ungestaltete  im  wahren 
Sinne  schamlos  sei. 

Eine  Chimäre  ist  in  jedem  Augenblicke  auf  dem 
Punkte,  aus  ihrer  eigenen  Ungestalt  herauszufah- 

88 


ren,  und  ihr  Schicksal  ist,  am  äußersten  Ende  ihres 
Wesens,  an  ihren  Grenzen  ewig  von  sich  selber  ge- 
reizt zu  verharren.  Über  dem  Abgrunde.  Maßlos. 
Wie  es  von  den  Genien  und  Engeln  heißt,  daß  sie 
im  Anblicke  der  Vollkommenheit  sich  selber  gleich 
und  unwandelbar  bleiben,  so  muß  man  von  den 
Chimären  sagen,  daß  sie  vor  und  über  dem  Abgrund 
maßlos  bleiben. 

Den  Jahrhunderten,  welche  diese  Chimären  er- 
sonnen haben,  war  die  Welt  des  Geistes  ein  Wirk- 
liches und  der  Geist  ein  Göttliches  und  in  den 
Menschen  lebendig  als  Ausdruck  höchster  und 
göttlicher  Bestimmung.  Hier  vor  den  Chimären 
versteht  man  die  uralte  Menschenrede  von  einem 
Reich  des  Geistes  und  von  dieses  Geistes  Selbst- 
herrlichkeit und  Verlangen,  sich  widerzuspiegeln 
im  Vollkommenen  und  Wesenhaften.  Und  wie  die 
Rede  geht,  daß  dieses  Land  und  Reich  des  Geistes 
jenseits  der  Gestirne  bewohnt  werde  von  Genien, 
von  Engeln,  von  Ideen  und  den  voUkommnen 
Figuren,  so,  muß  man  sagen,  wird  die  Welt  der 
vollkommenen  Geist-  und  Maßlosigkeit  bevölkert 
von  den  Chimären.  Ich  meine,  im  Chaos,  wenn  es 
ein  solches  außerhalb  von  Menschengehirnen  gäbe, 
würde  die  Chimäre  leibhaftig  existieren,  atmen  und 
sehen,  von  Stelle  zu  Stelle  eilen  und  bellen,  ja, 

89 


dort  müßte  sie  auch  zeugen  und  sich  vermehren 
und  endlich  sterben  an  den  Lügen,  die  hier  im 
Chaos  wurzeln  und  als  Futter  für  sie  treiben. 
Doch  das  Chaos  ist  in  Wahrheit  nirgend  außerhalb 
von  Menschenhirnen,  und  die  Chimäre  lebt  in  jedem 
von  uns  Menschen  als  echte  Geist-  und  Maßlosig- 
keit, als  Ungestalt  und  Krampf,  als  Eigensinn,  als 
Mangel  an  Wachsamkeit  und  Gesicht,  als  Ver- 
messenheit und  Verstellung,  als  Zwang,  als  Ärger, 
als  Angst,  als  Neid  und  Aberwitz. 
Die  also  von  der  Chimäre  besessenen  Menschen 
vergehen  sich  niemals  gegen  den  Nächsten  und 
Einzelnen  und  niemals  durch  die  Tat,  sondern  stets 
gegen  die  Ordnung  der  Dinge  und  durch  ihr  Dasein. 
In  der  maßlosen  Welt  der  Chimäre  ist  alles  einzeln 
und  isoliert,  und  nichts  führt  im  Chaos  von  Ding 
zu  Ding,  es  sei  denn  der  Aberwitz,  die  Roheit  und 
der  Irrsinn.^* 

In  der  Welt  des  Geistes  ist  nichts  isoliert,  und  das 
istdieserGeisteswelt  eigentliches  Pathosund  Maß. ^^ 
Dank  seinen  törichten  Erziehern,  diesen  wahren 
Züchtern  der  Chimäre,  Hat  das  gegenwärtige  Ge- 
schlecht unreine,  im  wahrsten  Sinne  barbarische 
Vorstellungen  von  Geist.  Es  redet  von  Geist  und 
Sinnlichkeit,  von  Geist  und  Erlebnis'*^  und  meint, 
Geist  sei  überhaupt  nur  als  Gegensatz  wirklich 

90 


und  darum  leicht  ermüdet  und  überspannt,  oder 
es  meint,  Geist  ließe  sich  dazutun  oder  abziehen 
oder  ersetzen.  Dieses  Geschlecht  weiß  und  fühlt 
nicht,  daß  der  Geist,  ,,der  den  Stürmen  gebietet", 
zu  nichts  der  Gegensatz,  daß  des  Geistes  Maß  auch 
dessen  Wesen  und  daß  dessen  Größe  nur  in  der  Ge- 
staltung sei.  Es  gibt  in  der  Tat  kein  anderes  Maß 
für  die  Größe  des  Geistes  als  die  Gestaltung,  und 
so  versteht  man  auch,  warum  nur  die  echten  Ge- 
stalter und  Schöpfer,  Fürsten  eines  wahren  Geister- 
reiches, das  Recht  haben,  am  Geiste  gemessen  zu 
werden,  und  um  ihres  Geistes  willen  groß  sind.^' 
Nichts  ist  seltener,  als  daß  ein  Mensch  ein  Leben 
des  Geistes  außerhalb  seines  Gehirnes  mitten  unter 
den  Menschen  wirklich  lebe,  weshalb  es  auch  so 
gefährlich  wie  mißlich  ist,  den  Menschen  am  Geiste 
zu  messen.  Auch  der  größte  Geist,  Shakespeare, 
sieht  und  hat  zuletzt  in  sich  selber  die  Chimäre. 
Vielleicht  war  er,der  sich  den  Menschensohn  nannte, 
der  einzige,  der  ein  Leben  des  Geistes  unmittelbar 
gelebt  hat,  und  darum  ist  seine  Größe  die  Größe  des 
Geistes  selber  und  im  eigentlichen  Sinne  unermeß- 
lich, in  ihm  war  nichts  von  der  Chimäre.  Und  dar- 
um kamen  sie  zu  ihm  von  überallher,  die  Chimä- 
ren :  die  Zu-Glücklichen,  dieZu-Unglücklichen,  die, 
welche  zu  sehr  rechneten,  und  die,  welche  zu  viel 

91 


hingaben,  die  Blinden,  die  Kranken,  die  Entstellten, 
die  Toren,  die  Sünderinnen  und  die  Mütter.  Es  zog 
dieChimären  zu  ihm,  weil  es  in  derZeit  das  erstemal 
war,  daß  diese  nicht  wie  seit  Ewigkeit  in  den  Ab- 
grund, sondern  in  den  Geist  selber  sahen.  In  Jesu 
Gleichnissen  und  Reden  ^^  ist  es  immer  die  Chimäre, 
die  fragt,  und  der  unendliche  Geist,  der  antwortet. 
Jenes  Weib  aus  Sichar  in  Samariä,  das  zum  Jakobs- 
brunnen kommt,  allwo  sie  Jesum  vom  Wege  müde 
antrifft,  ist  eine  Chimäre. 

„Da  kommt  ein  Weib  von  Samaria,  V/ asser  zu  schöpfen.  Jesus  spricht 
zu  ihr:  ,Gib  mir  zu  trinken' . .  .  Spricht  nun  das  samaritische  Weib  zu 
ihm:  ,Wie  bittest  du  von  mir  zu  trinken,  so  du  ein  Jude  bist  und  ich 
ein  samaritisch  Weib  ?  Denn  die  Juden  haben  keine  Gemeinschaft  mit 
den  Samaritern/  Jesus  antwortete  und  sprach  zu  ihr:  ,Wenn  du  er- 
kenntest die  Gabe  Gottes  und  wer  der  ist,  der  zu  dir  sagt:  »Gib  mir 
zu  trinken«,  du  bätest  ihn,  und  er  gäbe  dir  lebendiges  Wasser.'  Spricht 
zu  ihm  das  Weib :  ,Herr,  hast  du  doch  nichts,  damit  du  schöpfest,  und 
der  Brunnen  ist  tief;  woher  hast  du  denn  lebendiges  Wassert  Bist  du 
mehr  denn  unser  Vater  Jakob,  der  uns  diesen  Brunnen  gegeben  hat? 
Und  er  hat  daraus  getrunken  und  seine  Kinder  und  sein  Vieh.'  Jesus 
antwortete  und  sprach  zu  ihr:  ,Wer  dieses  Wasser  trinkt,  den  wird 
wieder  dürsten.  Wer  aber  das  Wasser  trinken  wird,  das  ich  ihm  gebe, 
den  wird  ewiglich  nicht  dürsten;  sondern  das  Wasser,  das  ich  ihm  geben 
werde,  das  wird  in  ihm  ein  Brunnen  des  Wassers  werden,  das  in  das 
ewige  Leben  quillet.'  Spricht  das  Weib  zu  ihm:  ,Herr,  gib  mir  das- 
selbige  Wasser,  auf  daß  mich  nicht  dürste,  daß  ich  nicht  herkommen 
müsse,  zu  schöpfen.'  Jesus  spricht  zu  ihr:  ,Gehehin,  rufe  deinen  Mann 

92 


und  komm  her.'  Das  Weib  antwortete  und  sprach  zu  ihm:  ,Ich  habe 
keinen  Mann.'  Jesus  spricht  zu  ihr:  ,Du  hast  recht  gesagt:  ich  habe 
keinen  Mann.  Fünf  Männer  hast  du  gehabt,  und  den  du  nun  hast, 
der  ist  nicht  dein  Mann.  Da  hast  du  recht  gesagt.*  Das  Weib  spricht 
zu  ihm:  ,Herr,  ich  sehe,  daß  du  ein  Prophet  bist.  Unsere  Väter 
haben  auf  diesem  Berge  angebetet;  und  ihr  sagt,  zu  Jerusalem  sei  die 
Stätte,  da  man  anbeten  soll.'  Jesus  spricht  zu  ihr:  ,Weib,  glaube 
mir,  es  kommt  die  Zeit,  daß  ihr  weder  auf  diesem  Berge  noch  zu 
Jerusalem  werdet  den  Vater  anbeten.  .  .  .  Aber  es  kommt  die  Zeit, 
und  ist  schon  jetzt,  daß  die  wahrhaftigen  Anbeter  werden  den  Vater 
anbeten  im  Geiste  und  in  der  Wahrheit.  .  .  .  Gott  ist  ein  Geist:  und 
die  ihn  anbeten,  die  nmssen  ihn  im  Geist  und  in  derWahrheit  anbeten.'  " 
(Ev.  Joh.  4,  übersetzt  von  Martin  Luther.) 


93 


NOTEN  ZU:  DER  INDISCHE  GEDANKE 


Seite  I  I,  Note  i  :  Der  Schauspieler  ist  nur  für  das  gemeine 
Auge  paradox.  In  Wirklichkeit  ist  er  wie  kein  anderer  das, 
was  er  ist,  und  in  einer  sehr  gewöhnlichen  Art  mit  sich  selber 
einig,  weshalb  ihm  in  vergangenen  Jahrhunderten  von  den 
Menschen  die  unsterbliche  Seele  abgesprochen  worden  sein 
mag. 

Seite  1 3,  Note  2:  Nie  wird  der  Asiate  die  Bedeutung  des 
Augenblicks  für  uns  verstehen,  und  nie  wird  der  Europäer  die 
Notwendigkeit  des  Kultes,  des  Zeremoniells  der  Asiaten  be- 
greifen. 

Seite  14,  Note  3 :  Er  ist  nicht  Politiker.  Politik  heißt  ja 
nichts  anderes  als  sich  ein  Ende  und  ein  Ziel  vor  dem  Ende 
und  vor  dem  Ziel  setzen  und  an  dieses  nächste  Ende  und  nächste 
Ziel  auch  glauben. 

Seite  16,  Note  4:  Die  Engländer,  die  durchaus  mit  dem 
Nullpunkt  operieren,  in  Indien  womöglich  noch  mehr  als  zu 
Hause,  sind  darüber  entsetzt,  daß  die  Hindus  in  Benares  eine 
Göttin  der  Blattern  verehren.  Eine  Göttin  der  Blattern  heißt 
eben  auch:  nicht  mit  dem  Nullpunkt  operieren. 
Seite  i8,Note5:  Der  £Vc^^/nc  lebt  in  einerWelt  ohne  Spiegel. 
Sagen  wir:  wenn  nach  der  Anschauung  alter  Mystiker  im  Para- 
diese ein  Ding  das  andere  widerspiegelt,  der  Baum  den  Menschen, 
der  Mensch  das  Tier  und  so  fort,  und  also  ein  ewiger  Austausch 
der  Wesen  stattfindet  und  ein  göttlicher  Ausgleich  herrscht, 
so  hat  die  Welt  des  Eccentrics  nichts  vom  Paradiese,  vielmehr 
etwas  von  der  Hölle:  kein  Ding  spiegelt  das  andere  wider, 
allen  Dingen  sind  die  Augen  ausgestoßen,  und  so  steht,  nichts 
sehend,  eines  gegen  das  andere:  hart,  starr,  unbewegt,  blind, 
von  der  eigenen  Schwere  niedergedrückt,  vielmehr  ausgefüllt. 
Der  Eccentric  ist   gleichsam  die  PVeiheit  dieser  Welt,  in  der 

94 


das  Wesen  der  Dinge  deren  Schwere  bedeutet.  Er  ist  deren 
Pathos,  Schwung,  Vergnügen.  Wie  man  vom  Tänzer  sagen 
kann:  er  ist,  indem  er  tanzt,  mit  sich  selber  in  wunderbarer 
Weise  einig,  so  muß  man  vom  Eccentric  sagen:  er  ist  in  sich 
selber  eingeklemmt  und  sucht  nun  von  sich  loszukommen  und 
sich  zu  produzieren. 

Man  könnte  den  Yoghi  in  allen  seinen  Ab-  und  Unterarten 
bis  zum  Fakir  und  Gaukler  herunter  den  Eccentric  einer  rein 
immateriellen,  rein  geistigen,  von  jeder  Erfahrung  losgelösten 
Welt  nennen,  wobei  nur  zu  bemerken  wäre,  daß  dieser  Yoghi 
in  einer  Welt  lebt,  die  nur  Zentrum  ist  und  überall,  oben  und 
unten,  in  allen  ihren  Teilen  aus  Zentrum  sozusagen  besteht. 
Bäume,  Tiere,  Planeten,  Sonnen,  der  Menschen  Wünsche  und 
Taten  und  Genüsse,  alles  das  ist  nur  Zentrum  und  in  Einem 
zusammen.  Man  könnte  den  Yoghi  einen  Eccentric  nach  innen 
nennen.  Beide,  der  Eccentric  sowohl  der  mechanischen  als 
auch  der  einer  rein  immateriellen  Welt,  sind  ohne  Gewissen 
und  Verantwortung. 

Seite  26,  Note  6:  Der  Mensch  hat  in  seinen  großen  Zeiten 
immer  gewußt,  daß  ein  Leben  im  Geiste  zugleich  ein  Opfer 
bedeute  und  bedeuten  müsse,  weil  er  sowohl  große  Vorstellungen 
vom  Geiste  als  auch  vom  Opfer  hatte.  Es  ist  freilich  schwer 
zu  opfern,  wenn  man  eine  kleine  Vorstellung  vom  Opfer  hat, 
und  es  ist  unmöglich,  Geist  zu  haben  und  zugleich  eine  kleine 
Vorstellung  davon.  Die  Witzigen  sind  immer  gegen  das  Opfer 
und  haben  von  ihrem  Standpunkte  aus  recht.  Der  Witzige 
soll  nicht  opfern,  sondern  nur  haben,  und  wenn  er  nicht  hat, 
so  soll  er  stehlen. 

Seite  26,  Note  7:  Ein  Mensch  ist  sein  ganzes  Leben  lang 
den  Beweis  schuldig  geblieben,  er  hat  bis  zu  seiner  Todes- 
stunde, bis  es  also  wirklich  zu  spät  war,  nie  etwas  bewiesen, 
obwohl  es  die  stumme  Forderung  aller  seiner  Freunde  war, 

95 


daß  er  es  beweise,  endlich.  Freunde  geben  bekanntlich  viel 
auf  den  Beweis,  ja,  sie  warten  darauf;  schließlich  sind  sie  dazu 
da.  Dieses  Menschen  Leben  war  also  entweder  eine  Lüge  von 
Anfang  bis  zu  Ende,  sein  Leben  war  nicht,  der  Mensch  war 
nicht,  oder  sein  Leben  war  ein  Opfer,  ganz  ein  Leben  nach 
innen,  ganz  um  des  Seins  willen,  ganz  Sein.  Die  Freunde 
haben  das  nicht  gesehen,  nur  jemand,  der  ihn  unendlich  liebte, 
hat  es  gesehen  und  gefühlt,  und  dazu  mußte  er  ihn  unendlich 
lieben  —  die  Geschichte  eines  Lebens,  die  Geschichte  vieler 
Leben,  die  Geschichte  sehr  weniger  .  . . 

Seite  26,  Note  8:  Der  Inder,  der  nicht  beweist,  hat  darum 
auch  andere  Vorstellungen  von  der  Wahrheit  als  der  Engländer, 
der  beweist;  das  heißt:  er  wird  viel  leichter  lügen  und  immer 
dort  lügen,  wo  er  nicht  die  Wahrheit  sagt  und  ein  Gentleman 
den  Mund  hält;  er  wird  es  wunderbar  verstehen,  zugleich  nach 
außen  zu  lügen  und  nach  innen  die  Wahrheit  zu  wissen.  Dem 
Inder  ist  der  englische  Wahrheitsbegriff  ebenso  fremd  wie  der 
Begriff  der  Persönlichkeit,  und  er  wird  sich  jenen  ebensowenig 
aneignen  wie  diesen.  Der  Engländer  ist  auch  hier  Dualist, 
Kämpfer,  Politiker,  und  Wahrheit  ist  für  ihn  Sache  der  Per- 
sönlichkeit, des  Gewissens;  er  muß  für  die  Wahrheit  persön- 
lich eintreten,  wenn  die  Wahrheit  für  ihn  Wert  haben  soll. 
Für  den  Inder  hingegen  ist  die  Wahrheit  nicht  Sache  der  Per- 
sönlichkeit, ebensowenig  wie  das  Verdauen,  der  Herzschlag 
Sache  der  Persönlichkeit  sind.  Die  Wahrheit  ist  für  ihn  Feuer, 
an  der  Wahrheit  verbrennt  er,  die  W^ahrheit  ist  über  ihm,  und 
so  lügt  er,  wie  der  Augenblick,  die  Laune,  die  Not  es  ver- 
langen, so  lügt  er,  weil  er  nicht  will  oder  weil  er  träge  ist  oder 
andere  ihn  zwingen  wollen;  er  lügt,  weil  er  gewöhnlich  ist,  er 
lügt,  weil  er  nicht  brennt.  Der  Inder  kennt  den  europäischen 
Begriff  des  Gewissens  nicht,  weshalb  auch  das  Mitleid  für  ihn 
etwas  anderes  bedeutet  als  für  uns.    Mitleid  ist  für  uns  Sache 

96 


des  Gewissens,  des  menschlichen  oder  des  sozialen.  Für  den 
Inder  ist  es  Pathos  im  höchsten  Sinne,  weshalb  er,  in  die  Enge 
getrieben,  bei  allem  Mitleid  grausamer  sein  kann  als  irgendein 
anderer.  Damit  soll  gar  nicht  gesagt  sein,  daß  das  Mitleid  für 
den  Inder  nur  Theorie  und  nicht  wirkliche  Tat  sei,  wie  Eng- 
länder in  Indien  zu  urteilen  versucht  sind,  nein,  es  ist  eben 
ganz  und  gar  Pathos  im  ursprünglichen  Sinne,  Zusammenhang. 
Es  kommt  immer  auf  dasselbe  hinaus:  der  Inder  und  der  Eng- 
länder haben  verschiedene  Vorstellungen  von  Persönlichkeit. 
Ich  will  ein  Bild  gebrauchen:  Die  englische  Persönlichkeit,  der 
Europäer,  der  Dualist  ist  ein  Knoten,  der  gordische  meinet- 
wegen; was  wir  das  Gewissen  nennen,  ist,  möchte  ich  sagen, 
das  Innere  des  Knotens,  „des  Hirsekornes  Kern",  wie  es  in 
der  Upanischad  heißt.  Die  indische  Persönlichkeit,  der  Monist, 
ist  ein  gutgewickelter  Knäuel,  also  wesentlich  kein  Knoten,  er 
ist  aufzuwickeln,  so  man  das  eine  Ende  zu  fassen  bekommt.  Das, 
worum  er  gewickelt  ist,  gehört  nicht  mehr  zum  Knäuel,  der 
nur  aus  Seide  oder  Zwirn  oder  Wolle  besteht,  wir  können  es 
das  Brahman  nennen,  und  doch  wäre  ohne  ihn  der  Knäuel  nicht 
möglich  oder  zum  mindesten  nur  miserabel. 
Seite  29,  Note  9:  Das  Genie  opfert  nicht,  das  Genie  lebt, 
ohne  opfern  zu  müssen  —  das  ist  ein  Satz  aus  dem  Vorrat  der 
Gehorsamen  und  auch  Gepeinigten.  Die  indische  Lehre  han- 
delt auf  jeder  Seite  vom  Opfer  des  Genies  und  davon,  daß  eben 
nur  das  Genie  zu  opfern  weiß  und  nicht  der  erste  beste  mit 
einem  sehr  natürlichen  Bedürfnis  nach  dem  Vergleich. 

Seite  39,  Note  10:  Der  Neapolitaner  wendet  sich  an  seinen 
Heiligen  in  einer  Krankheit,  bei  einer  Feuersbrunst,  einer  Über- 
schwemmung, vor  einem  Morde,  im  Sterben.  Ein  Rationalist 
wird  sich  darüber  mehr  wundern  als  der  Heilige  selber,  der 
eigentlich  fortwährend  in  einer  Welt  voll  von  Mord,  Tod, 
Krankheit,  Feuersbrunst,  Überschwemmung  lebt  und  nur  in 

97 


diesem  Lande  des  Lebens  und  des  Todes  Luft  hat  und  atmen 
kann. 

Seite4i,  Note  i  i  :  Darauf  beruht  der  Zauber,  das  eigentlich 
Unsagbare,  ja  Heilige  gewisser  uns  heute  besonders  kostbarer 
Künstler.  Auf  chinesischen  Bildern  der  besten  Zeit,  auf  denen 
des  Piero  della  Francesca,  auf  Zeichnungen  des  Pisanello, 
Albrecht  Dürers  und  auf  zwar  nicht  vielen  Bildern  C^zannes 
ist  der  Begriff  also  eliminiert.  Der  Prozeß  ist  leichter  zu  fühlen 
als  darzustellen.  Es  ist  ein  völliges  Wachträumen,  ein  voll- 
kommenes Ausschalten  des  Gedanklichen.  Hier  wird  das  Sym- 
bol aus  der  Sache  selber  genommen  und  ist  deren  Geheimnis, 
und  die  Dinge  sind  recht  eigentlich  in  ihrem  eigenen  Saft  ge- 
kocht. 

Seite  43,  Note  12:  Der  Heilige  ist  darin  der  vollkommenste 
Gegensatz  zum  Nihilisten,  als  welcher  nur  den  Begriff  sieht, 
so  viel  Begriffe  wie  Menschen,  immer  nur  Begriffe.  Im  Anar- 
chismus wird  nicht  die  Anarchie,  sondern  die  Politik  als  solche, 
die  reine  Politik  ad  absurdum  geführt.  Jede  Politik,  die  nur 
Politik  ist,  muß  zum  Anarchismus  führen  oder  zugrunde  gehen. 
Warum  anders  sind  die  antiken  Staaten  zugrunde  gegangen, 
als  weil  sie  die  Politik  übertrieben  und  nur  mehr  noch  Politik 
machten.''!  Und  das  war  die  große  historische  Tat  des  Christen- 
tums, daß  es  diese  Nur-Politik  der  antiken  Staaten  angriff  und 
vernichtete. 

Seite43,  Note  1 3 :  Besitz  ist  Begriff. 

Seite43,  Note  14:  Was  wir  Einbildung  nennen,  ist,  möchte 
ich  sagen,  noch  der  Begriff  in  unserem  Gefühl,  nicht  das  Gefühl 
selber,  das  unmittelbare,  das  ganz  und  gar  Sein  und  Existenz 
ist.  Die  Menschen  sind  auf  diese  Einbildung  angewiesen,  im 
engeren  und  weiteren  Leben.  Die  sogenannten  Freuden  und 
Genüsse  des  Lebens  sind  solche  Gefühle  mit  starkem  Zusatz 
von  Begriff,  sie  zeichnen  den  Herdenmenschen  aus.    Der  Ge- 

98 


nuß  der  Landschaft,  die  Freude  an  der  Landschaft  z.  B.  ist 
etwas,  was  dem  Heiligen  durchaus  fremd  sein  muß.  In  dieser 
Freude  an  der  Landschaft  ist  der  Begriff  ganz  in  die  Distanz 
zwischen  dem  Menschen  und  der  Natur  gleichsam  umgesetzt 
und  umgewertet,  und  diese  Distanz  hat  der  Heilige  eliminiert, 
herausgezogen,  und  so  werden  er  und  die  Welt  eines  und  fallen 
sich  in  die  Arme.  Nur  die  ein  wenig  kurzsichtigen,  ein  wenig 
geteilten,  ein  wenig  zerstreuten  Menschen  bewundern  und 
lieben  die  Entfernung,  die  zeitliche  und  räumliche,  oder  die 
Dinge  um  deren  Entfernung  willen,  der  zeitlichen  und  räum- 
lichen, und  reden  vom  Zauber  oder  gar  Pathos  der  Distanz  usw. 
Der  Heilige  hat  da,  sagen  wir  zuerst,  zu  wenig  Kultur,  er 
blinzelt  nioht  und  sieht  zu  scharf,  er  hat  recht  eigentlich 
das  scharfe  Auge  des  Tieres,  des  Wilden,  er  ist  im  höchsten 
Maß  unzerstreut,  und  so  sind  ihm  die  vielen  Freuden  und  Ge- 
nüsse und  Geschmäcke  der  Zerstreuten  durchaus  fremd.  Er 
kann  sich  nur  ganz  äußern  und  seine  Freuden  darum  auch 
nicht  mitteilen.  Was  wir  sein  Opfer  nennen,  ist  so  recht  die 
Äußerung  seines  ganzen  Wesens,  die  Freude,  der  Geschmack 
seines  ganzen,  unzerstreuten,  scharfen  Wesens,  der  große  Blick 
seines  wilden  Auges.  Um  zu  genießen,  muß  er  verbrennen, 
was  in  gewisser  Hinsicht  einen  äußersten,  ja  absoluten  Mangel 
an  Distanz,  an  Begriff  bedeutet  und  nur  mehr  noch  sehr  wenig 
mit  dem  Gefühl  des  Kulturmenschen  für  Sonnenuntergänge  zu 
tun  hat. 


99 


NOTEN  ZU:  VON  DEN  ELEMENTEN  DER 
MENSCHLICHEN  GRÖSSE 


^Seite48,Zeile4:  Unverkennbar  ist  unter  vielen  der  heutigen 
Deutschen  der  Wunsch  nach  Persönlichkeit  auf  erotischer  Grund- 
lage, wobei  man  freilich  übersieht,  daß  Persönlichkeit  auf  ero- 
tischer Grundlage  doch  nur  der  Lustmörder  ist,  was  doch 
keinesfalls  das  Ziel  unserer  gegenwärtigen  „erotischen  Per- 
sönlichkeiten" sein  kann. 

-Seite  53,  Zeile2:  Geistreiche  Menschen,  die  sehr  dumm, 
Dichter,  die  wie  überreizte  Steuerbeamte  oder  wie  leidende 
Kommis,  Maler,  die  wie  Fleischhauer  aussehen,  überhaupt  daß 
kein  Mensch  mehr  sein  eigenes  Gesicht,  sondern  das  eines 
andern  trägt,  ist  auch  Indiskretion,  die  Indiskretion  der  Natur, 
die  überaus  kostbare  Indiskretion  der  Natur. 
^ Seite  53,  Zeile  8:  Wenn  der  Indiskrete  räsoniert  und  seine 
Stellung  zum  Ganzen  untersucht  und  großtut,  so  wird  er  Prag- 
matist.  Pragmatismus  ist  das  wahre  System  des  Indiskreten. 
^Seite53,  Zeile  10:  Heute  darüber,  daß  die  Todesstrafe  ab- 
geschafft wird,  und  morgen,  daß  man  wieder  hängt. 
^Seite  5  3,  Zeile  1 3 :  Ich  meine  damit  nicht  den  anonymen 
Journalisten,  sondern  den,  der  Dramen,  Romane,  Systeme 
schreibt  und  „große  Taten"  tut-  Dieser  von  einer  ganz  un- 
möglichen Unsterblickkeit  präokkupierte  Journalist  ist  indis- 
kret; der  andere  tut  nur  seine  Pflicht. 

^ Seite  55,  Zeile  5:  Deutschland  ist  voll  von  solchen  Indis- 
kreten. Der  Deutsche  neigt  überhaupt  dazu,  aber  seine  gegen- 
wärtige, so  peinliche  Indiskretion  ist  wohl  auf  große  politische 
und  darum  sittliche  Umwälzungen  zurückzuführen.  Er  ist  heute 
indiskret  wie  ein  Mensch,  der  lange  arm  war  und  plötzlich 
eine  große  Erbschaft  gemacht  hat.  Frankreich  ist  davor  viel- 
fach noch  durch  seine  Tradition  geschützt  und  nur  aus  Ver- 

100 


zweiflung  indiskret,  was  in  seinen  politischen  Zuständen  deutlich 
wird.  Niemand  ist  von  Natur  aus  und  durch  Erziehung  weniger 
indiskret  als  der  Engländer.  Seine  Indiskretion  ist  affektiert 
und  die  Koketterie  von  Frauen,  die  mehr  schön  als  graziös 
sind,  und  die  Phantasie  von  Gecken.  Dadurch  unterscheidet 
sich  der  Engländer  entschieden  vom  modernen  Juden,  dessen 
Indiskretion  man  wohl  kaum  affektiert  nennen  kann. 
^  Seite  5  5,  Zeile  9:  Es  gibt  zwei  Arten,  die  Antithese  zu  über- 
winden, und  man  muß  sie  wohl  auseinander  zu  halten  wissen, 
wenn  man  nicht  irren  will.  Durch  Religion,  durch  Verehrung 
im  tiefsten  und  weitesten  Sinne.  Der  Heilige,  der  Fromme  ist 
darum  so  diskret  (was  immer  er  tut),  weil  er  die  Antithese  nur 
in  sich  selber  weiß;  diese  auch  nur  für  einen  Augenblick  in  der 
„Welt",  im  anderen  zu  sehen,  wäre  für  ihn  ein  Akt  der  Scham- 
losigkeit, der  völligen  Entzweiung,  etwas  durchaus  Unheilbares. 
Und  darum  ist  ihm  nichts  fremd,  und  er  ist  ohne  Sorge,  und 
die  Welt  hat  keine  Waffe  gegen  ihn.  Die  andere  Art,  die 
Antithese  zu  überwinden,  ist  politische  Bildung,  d.  h.  Sinn  für 
Opposition,  Einsicht  in  die  Notwendigkeit  derselben,  kurz  das, 
was  man  Objektivität  nennen  mag,  welche  große  Politiker  stets 
besitzen  und  wovon  man  heute  in  England  noch  immer  am 
meisten  und  in  Österreich  noch  immer  am  wenigsten  hat. 
Der  Österreicher  hält  gerne  den  Anhänger  der  Opposition  für 
einen  schlechten  Menschen. 

®Seite56,Zeilei8:  Dieses  Ideal  des  Boxers  ist  ungefährlicher 
als  das  des  Schauspielers,  wie  auch  die  Indiskretion  des  Ameri- 
kaners weniger  innerlich  und  darum  weniger  peinlich  ist  als 
die  des  „guten  Europäers".  Denn  beim  Amerikaner  ist  sie  nur 
ein  Fehlen  von  Hemmungen  —  die  Indiskretion  des  Speku- 
lanten und  Abenteurers  — ,  wodurch  es  dem  Amerikaner  wohl 
unmöglich  sein  wird,  jemals  zu  einer  originalen  Kunst  zu  ge- 
langen. Die  Indiskretion  des ,, guten  Europäers"  und  Nietzsche- 

lOI 


Schülers  ist  hingegen  entartete,  verkehrte  Pedanterie.  Man 
halte  nur  gegen  das  Werk  Walt  Whitmans  das  irgendeines 
deutschen  Indiskreten,  etwa  das  Richard  Dehmels. 
^Seite58,Zeilei2:  JeanJacquesRousseauist  der  eigentliche 
Zerstörer  des  antiken  Ideals  und  der  erste  große  Indiskrete, 
der  erste,  der  falsch  schied  zwischen  innen  und  außen,  zwischen 
Freiheit  und  Gesetz,  dem  Christentum  und  der  Antike.  Er 
schied,  sage  ich,  falsch  und  mischte  und  fälschte  darum  das 
eine  mit  dem  anderen;  und  seit  ihm  ist  der  Mensch  in  einer 
dauernd  schiefen  Position  zwischen  Heidentum  und  Christen- 
tum und  voll  unbewußter  Heuchelei.  Rousseau  war  ein  falsch 
Isolierter  (nur  der  Heilige  weiß  sich  wahrhaft  zu  isolieren;  und 
Heiligkeit  bedeutet  nicht  in  die  Kirche  gehen,  sondern  den 
Versuch,  wirklich  allein  zu  sein,  sich  richtig  von  der  Well  zu 
scheiden,  so  daß  die  ganze  Welt  im  Menschen  sei  und  doch 
zugleich  außerhalb  vom  Menschen).  Ich  sage,  Rousseau  war 
ein  falsch  Isolierter,  und  er  wußte  nicht,  daß  im  richtigen  Unter- 
scheiden schon  ein  Begreifen  der  Einheit  liege.  Sein  komme 
de  la  nature  ist  eine  falsche  Synthese  von  Christentum  und 
Heidentum,  eine  Fälschung  des  einen  durch  das  andere.  Und 
überall,  wo  man  heute  diese  beiden  Elemente  falsch  mischt,  ist 
der  komme  de  la  nature,  dieser  ewige  Bastard,  lebendig:  in 
unserer  Erziehung,  in  unserer  Politik,  in  unserer  Moral,  in 
der  Dichtung,  vollends  im  Roman. 

^°Seite59,  Zeile  !  :  Seit  dem  Romantiker  Friedrich  Nietzsche 
gilt  allgemein  der  große  Mensch  für  wesentlich  ungerecht.  Das 
ist  Hysterie,  der  Gesichtspunkt  von  Menschen,  die  nichts  werten 
können  und  immer  etwas  ,, spüren"  wollen. 
^^  Seite  59,  Zeile  14:  Warum  können  wir  nicht  oder  nur  mit 
größter  Überwindung  lehren.^  Weil  bei  uns  ein  Abgrund 
zwischen  dem  Wort  und  dem  Ding,  zwischen  dem  Heimlichen 
und  dem   Öffentlichen  liegt,   über  den  wohl  das  Genie,   der 

102 


Schauspieler  und  der  Routinier,  niemals  oder  doch  nur  mit 
äußerster  Schwierigkeit  der  Gerechte  kommt. 
***  Seite  60,  Zeile  2  :  Das  unterscheidet  den  Maßvollen  vom 
Mittelmäßigen.  Der  Mittelmäßige  kann  und  darf  nämlich  alles 
vertauschen  und  verstellen,  seine  Ordnung  ist  keine  Ordnung. 
Ich  erwähne  es  deshalb,  weil  der  Indiskrete  bei  Maß  sofort 
an  Mittelmäßigkeit  denkt,  und  darum  und  um  sich  selber  zu 
entfliehen,  extravagieren  zu  müssen  glaubt.  Denn  dabei  bleibt 
es:  im  Grunde  und  im  Herzen  ist  dieser  Indiskrete  mittel- 
mäßig. 

^''  Seite  60,  Zeile  6 :  Darauf  beruht  die  Heiligkeit  des  antiken 
Staatslebens,  die  Heiligkeit  der  Tradition.  Im  Staate,  in  der 
menschlichen  Gesellschaft  leben,  heißt  darum  aus  sich  heraus- 
treten, nach  außen  leben.  Der  Staat,  die  Tradition,  die  Nation 
sind  für  diesen  aus  sich  heraus  tretenden  Menschen  dann  eben 
der  große  Maßstab  des  Einzelnen.  Ich  meine,  so  faßte  der 
antike  Mensch  das  Vaterland,  den  Staat  und  die  Geschichte 
auf.  Für  den  Indiskreten  ist  der  Staat  ein  Umweg  zu  ihm 
selber  oder  eben  nur  das  Mittel,  um  zu  avancieren. 
^^  Seite  60,  Zeile  i9:„Laßt  die  Toten  die  Toten  begraben'', 
ist  die  unantike  Auffassung  des  Todes. 
''•Seite6i,Zeile9:  Das  Maß  dieses  Menschen  ist  die  Musik, 
oder  besser:  dieser  Mensch  hat  seine  Kunst  in  der  Musik  ge- 
funden, ohne  sie  könnte  er  gar  nicht  zum  Ausdruck  kommen. 
^"Seiteöi,  Zeile  16:  Nur  indiskrete  Menschen  klagen  dar- 
über, daß  die  Maschine  ihnen  ihr  Ich  nimmt.  Vielleicht  haben  sie 
recht,  nur  weiß  man  nicht,  wieviel  von  ihrer ,, Persönlichkeit" 
zu  retten  wäre  durch  Handarbeit.  Ich  glaube:  nichts.  Der 
große  Mensch  wird  darum  nie  über  die  Maschine  klagen,  weil 
er  stets  sich  selber  als  Kraft  fühlt  unter  Kräften.  Groß  ist, 
alles  in  Kräfte  verwandeln  können,  überall  die  Kraft  und  das 
reine  Element  spüren,  auch  in  der  Maschine.  Darin  liegt  auch 

105 


die  Unmittelbarkeit  und  Impassibilität  des  großen  Menschen, 
des  Menschen  ersten  Ranges,  dessen  Amoralität,  die  durchaus 
nicht  Teufelei  ist,  wie  sich  das  der  indiskrete  Mensch  einbildet, 
sondern  Gegenständlichkeit,  genau  das.  Napoleon  war  gegen- 
ständlich, Goethe  war  gegenständlich.  Ruskin  war  nicht  gegen- 
ständlich, darum  fuhr  er  in  der  Mailcoach  und  nicht  in  der 
Eisenbahn  und  glaubte  in  seiner  Art  an  den  Teufel.  Der  in- 
diskrete Mensch  ist  nicht  gegenständlich. 

^' Seite  6 1,  Zeile  21:  Der  „originelle  Mensch",  der  seinen 
Zweck  verfehlt  hat  —  eine  sehr  unantike  Figur  —  ist  eben 
„originell",  aber  niemals  groß.  Er  ist  maßlos  und  irgendwie 
ein  Schauspieler.  Man  liebt  ihn  heute  sehr,  und  Dilettanten 
halten  ihn  für  ganz  besonders  groß.  Ob  er  oder  ob  die  Welt 
daran  schuld  hat,  ist  Sache  der  Auffassung.  Für  mich  persön- 
lich hat  immer  er  schuld,  unter  allen  Umständen. 
^^Seiteöi,  Zeile  26:  Wir  verstehen  nicht  mehr  die  großen,  so 
einfachen  Identifikationen  von  Gut  und  Schön,  von  Tugend  und 
Lohn,  die  eben  ein  Ausdruck  der  Glückseligkeit  und  des  Maßes 
und  der  Größe  waren.  Der  einsame  Mensch  ist  gut  und  nicht 
schön  oder  schön  und  nicht  gut,  und  seine  Tugend  ist  ohne 
Lohn.  Das  liegt  in  der  Natur  der  Einsamkeit. 
^•' Seite  62,  Zeile  20:  Wer  über  sich  hinausgeht,  der  über- 
schreitet auch  die  Gesetze  des  Vaterlandes  und  die  göttlichen 
Satzungen  und  wird  zum  Verräter.  Der  Verräter  als  tragisches 
Schicksal  ist  antik  und  nicht  modern.  Die  großen  Verräter 
Athens  und  der  Renaissance  waren  in  der  Tat  tragische  Figuren 
im  großen  Stil,  weil  eben  die  menschliche  Persönlichkeit  inner- 
lich im  Zusammenhang  ist  mit  dem  Vaterlande  und  dem  gött- 
lichen Gesetz.  Der  moderne  Mensch  hat  hier  stets  den  Ausweg 
seiner  oft  sehr  fraglichen  Individualität  und  kann  alles  als  Be- 
kenntnis auffassen.  Im  Grunde  vermag  nur  ein  einziger  Mensch 
nicht  zum  Verräter  zu  werden:  der  Indiskrete,  und  das  ist  bei 

104 


ihm  weniger  Mangel  an  Sprachvermögen  als  äußerster  Mangel 
an  Gegenständlichkeit. 

^°  Seite  64,  Zeile  8 :  Was  hätte  Hamlet  nicht  dafür  gegeben, 
daß  sein  Geist  der  Geist  seines  Gestirnes  wäre!  Er  fühlte,  daß 
er  ohne  Gestirn  und  darum  allein  sei,  daß  seine  Einsamkeit 
unendlich  sei.  Cäsars  Einsamkeit  war  nicht  unendlich,  sondern 
eben  die  des  Gestirnes.  Cäsars  Größe  war  sein  Stolz,  seine 
Größe  war  seine  Kraft,  seine  Größe  war  sein  Maß.  Sein  war 
wahrhaftig  die  Einsamkeit  des  Adlers,  während  die  Einsamkeit 
Hamlets  die  des  Menschen  und  Hamlets  Stolz  ohne  Grenzen 
ist  und  darum  so  leicht  in  das  Gegenteil,  den  Zweifel,  umschlägt. 
Cäsars  Stolz  ist  ohne  Zweifel. 

^^Seite  66,  Zeile  26 :  ich  will  daraufhinweisen,  wie  der  Wahn- 
sinn durchaus  Requisit  sozusagen  der  antiken  Poesie  ist,  weil  er 
gleichsam  den  Versuch  des  elementaren  Menschen,  Ich-Mensch 
zu  werden,  ausdrückt.  Es  ist  darum  so  überaus  sublim,  daß 
der  große  christliche  Dichter  Cervantes  Don  Quixote  im  Augen- 
blick vor  dem  Tode  vom  Wahnsinn  erlöst  und  ihm  die  Ver- 
nunft zurückgibt.  Wahnsinn  kann  die  christliche  Seele  nicht 
affizieren  und  ist  nur  Torheit  und  schlechte  Stimmung  des 
Leibes.  Daß  Shakespeares  Helden  wahnsinnig  werden,  ist  ein 
Beweis  dafür,  wie  stark  in  Shakespeare  das  antike  Element  war, 
wie  das  Antike  eben  durchaus  nicht  auf  die  Alten  beschränkt 
bleibt.  In  einem  gewissen  Sinne  gibt  es  überhaupt  keine  christ- 
liche Tragödie.  Die  antike  ist  die  Tragödie. 
'--Seite  68,  Zeile  10:  Man  kann  sagen:  wie  der  antike,  der 
tätige  Mensch  groß  ist  um  des  größten  Widerstandes  willen, 
den  er  sucht,  also  ist  der  Christ  groß  um  der  Schuld  willen. 
^^  Seite  68,  Zeile  14:  Der  tragische  Mensch  der  Antike  und 
der  christliche  Mensch  sind  wie  rechts  und  links,  d.  h.  für  den 
tragischen  Menschen  ist  Größe  Schuld  und  für  den  christlichen 
Schuld  Größe. 

105 


2*  Seite  69,  Zeile  lo:  Der  Widerspruch  zwischen  Gedanken 
und  Tat  ist  christlich.  Der  Christ  überwindet  die  Tat  durch  den 
Gedanken.  Für  den  antiken  Menschen  hat  der  Gedanke  nur 
den  höheren  Rang,  gleich  wie  der  ältere  Mann  vor  dem  jüngeren 
geht.  Niemals  aber  überwindet  der  Gedanke  die  Tat.  Die 
antike  Philosophie  ist  durchaus  als  Philosophie  des  Kriegers 
zu  verstehen  (und  darum  so  unmystisch  und  positiv  im  guten 
Sinne),  und  niemand  ist  ein  besserer  Philosoph  als  der  Krieger. 
Den  modernen  indiskreten  Menschen  charakterisiert  nichts 
besser,  als  daß  der  Krieger  und  der  Philosoph  fast  nur  noch 
die  Gemeinplätze  gemeinsam  haben. 

'"^^  Seite  69,  Zeile  18:  Man  könnte  auch  sagen,  die  Tat  des 
Verzweifelten  ist  die  des  Konkurrenten.  Der  Konkurrent  kann 
ja  gar  nicht  anders  als  verzweifelt  handeln.  Konkurrenz  ist 
keine  Bestimmung  und  hat  im  Grunde  nichts  mit  Größe 
zu  tun.  Vielmehr  ist  der  Sieger  in  einer  Konkurrenz  groß 
nur  unter  indiskreten  Menschen,  unter  indiskret  geborenen 
Menschen. 

-''Seite73, Zeile  17:  Seine  Askese  ist  eben  sein  großes  Maß, 
la  grande  mesure.  Wer  es  anders  versteht,  hat  keine  Ahnung, 
worum  es  sich  handelt. 

-''Seite73,Zeile25:  Der  Arme  im  Reichen.  In  gewisser  Hin- 
sicht gehört  dazu  Genie,  und  für  den  Christen  besteht  darum 
stets  die  Gefahr,  daß  die  Transfiguration  nicht  gelingt  und  es 
bei  einer  Indiskretion  bleibt. 

-•^  S e i  t  e  74,  Z  e i  1  e  9 :  Der  Mensch  ohne  Spannung  ist  dann  der 
Frivole,  der  Nichtige.  Die  Welt  ist  jetzt  überreich  an  solchen 
Menschen  mit  dem  trüben  Blick,  den  schlaffen  Zügen,  dem 
hängenden,  nassen  Munde,  dem  welken,  verbrauchten  Fleisch. 
Und  dieser  Mensch  ist  der  eigentliche  Gegensatz  zum  Armen, 
Gespannten. 

106 


^"Seite  75»  Zeile  i6:  Der  indiskrete  Mensch  ist  sehr  stolz  auf 
seine  Psychologie  und  ist  im  stillen  davon  überzeugt,  ein 
Zeitungsschreiber  oder  Paul  Bourget  oder  sonst  jemand  wären 
schließlich  bessere  Psychologen  als  Thukydides,  wären  über- 
haupt erst  Psychologen  usw.  Auch  Homer,  meint  er,  sei 
kein  Psychologe  gewesen,  auch  Sophokles  nicht,  überhaupt 
kein  antiker  Geist.  Darauf  ist  folgendes  zu  erwidern:  Die 
Psychologie  des  indiskreten  Menschen,  Paul  Bourgets  oder  sonst 
eines  gewöhnlichen  Romanschriftstellers  ist  wertlos,  durchaus 
Ausdruck  der  inneren  Maßlosigkeit  und  Gier,  und  man  ist  als 
Psychologe  ohne  weiteres  niemand,  ganz  ohne  Distinktion,  ohne 
Rang,  überflüssig  und  längst  erledigt,  ebenso  wie  eine  Dichtung, 
die  nichts  anderes  ist  als  Psychologie,  ein  Unding  ist,  eine  Form- 
losigkeit, eine  Geschwulst,  ein  Malheur.  Der  antike  Mensch 
war  nicht  Psychologe,  weil  er  handelte  und  im  Ganzen  ein- 
geschlossen war  und  im  Ganzen  wirkte.  Für  den  antiken  Men- 
schen ist  Psychologie  Detail,  und  nur  ein  Mensch  ohne  Rang 
oder  ein  komischer  Mensch  sieht  das  Detail.  Weil  Homer  und 
Äschylos  nur  das  Große  sahen  (ohne  Übertreibung,  sondern 
aus  ihrer  königlichen  Natur  heraus),  waren  sie  keine  Psycho- 
logen im  Sinne  des  Indiskreten,  der  nichts  ist  und  darum  bohrt. 
Psychologie  ist  die  wahre  Stärke,  ist  die  Subtilität  des  Leiden- 
den, Transfiguration  und  als  solche  zu  brauchen.  Psychologie 
ist,  entschieden  und  einzig  die  Handlung  und  das  Maß  des  Ein- 
samen und  nur  als  solche  groß.  Der  Einsame,  der  Leidende,  han- 
delt Psychologie,  und  das  ist  die  Psychologie  von  Dostojewski. 
Sie  ist  das  Maß  und  der  Rhythmus  dessen,  der  kein  Maß  und 
keinen  Rhythmus  hat,  des  Verzweifelten,  Iwan  Karamasoffs. 
Dante  ist  an  und  für  sich  ein  genau  so  großer  Psychologe  wie 
Dostojewski.  Er  sieht  die  Menschen  genau  so  scharf  wie  der 
erhabene  Russe.  Nur  leben  die  Menschen  Dantes  im  Ganzen  und 
haben  darum  das  Maß  und  den  Rhythmus  der  gemeinsamen 

107 


Hölle  und  Erde  und  aller  Gestirne  und  des  Himmels.  Iwan 
Karamasoff  ist  Psychologe,  weil  er  gleich  Hamlet  ohne  Gestirn 
ist,  weil  er  aus  der  ewigen  Nacht  kam  und  in  die  ewige  Nacht 
zurückkehren  wird. 

^^Seiteyö,  Zeile  24:  Das  Gegenteil  dieses  Königs  ist  dann 
der  moderne  Mensch,  der  seine  Memoiren  schreibt  und  darin  zu 
zeigen  versucht,  daß  niemand  vor  seinem  Kammerdiener  groß 
ist.  Memoiren  sind  umgekehrte  Mythologie. 
^^Seite79,  Zeile9:  Die  Schildkröte,  die  — ich  weiß  augen- 
blicklich nicht  mehr  in  welchem  Mythos  —  die  Welt  auf  dem 
Rücken  trägt,  und  Kierkegaard,  der  irgendwie  auf  seiner  ab- 
surden Annahme  ruht,  ist  dasselbe.  Größe  ist  hier  absolut  oder 
gar  nicht  vorhanden. 

32Seite84,  Zeile22:  Die  Vision  ist  stets  heilig  und  niemals 
„persönlich".  Es  ist  widerwärtig  und  kennzeichnet  den  Indis- 
kreten, den  Journalisten,  von  einer  persönlichen  Vision  zu 
reden. 

^^Seite85,  Zeile  3:  Der  Gegensatz  zu  diesem  Heiligen  ist 
der  Glücksritter,  der  nirgends  sein  Gleichnis  findet  und  die 
Dinge  darum  verbraucht  und  die  Welt  leer  zurückläßt. 
3*  Seite  90,  Zeile  18:  So  isoliert  sah  das  Mittelalter  mit  seinem 
fanatischen  Spiritualismus  das  Tier.  Nichts  führt  von  Tier  zu 
Tier,  das  Tier  ist  wahrhaft  einsam.  Einen  Niederschlag  dieser 
Anschauung  findet  man  in  der  ganzen  Tiergestaltung  des 
Mittelalters,  in  den  Skulpturen  auf  den  Domen,  in  Wappentieren, 
Jagdbüchern,  ja  auch  noch  in  der  Malerei  der  Primitiven. 

^^  Seite  90,  Zeile  20:  Man  soll  hier  unterscheiden:  es  gibt  den 
maßlosen,  den  unmäßigen  Menschen  in  der  Welt  der  bürger- 
lichen Schutzmoral  und  der  Materie,  durch  dessen  Maßlosigkeit 
die  andere,  außerhalb  von  ihm  liegende  Welt,  der  Nächste, 
nicht  auch  maßlos  wird.   In  der  Welt  des  Geistes  dagegen  ent- 

108 


spricht  unserer  eigenen  Maßlosigkeit  stets  auch  die  Maßlosigkeit 
der  Welt,  und  das  heißt  dann  Geisteswelt.  Ein  hochmütiger  oder 
neidischer  oder  zorniger  Mensch  in  der  Welt  der  Moral,  der 
Materie,  der  Interessen  ist  eben  hochmütig  oder  neidisch  oder 
zornig,  daran  ist  nichts  zu  ändern,  und  man  muß  warten,  bis 
das  zu  Ende  ist  und  er  stirbt,  oder  man  muß  ihn  übersehen 
oder  lächerlich  finden  oder  auch  einsperren.  Das  Notwendige 
ergibt  sich  hier  von  selbst  und  kann  niemals  ausbleiben.  In  der 
Welt  des  Geistes  leben  heißt  nun:  dieser  hochmütige  oder 
neidische  oder  zornige  Mensch  lebt  in  einer  hochmütigen  oder 
neidischen  oder  zornigen  Welt,  das  genügt,  und  es  nützt  gar 
nichts,  daß  man  ihn  jetzt  einsperre  oder  später  in  die  Hölle 
stecke.  Er  kann  überhaupt  nicht  gerichtet  werden,  weder  jetzt, 
noch  später,  weil  er  ist.  Geist  ist  Dasein,  ist  Schicksal,  und 
niemand  vermag  den  Geist  anzuklagen. 

^•^  Seite  90,  Zeile  25 :  Die  den  modernen  Menschen  seit  mehr 
denn  hundert  Jahren  aufregende  Frage,  ob  der  Schöpfer  über 
dem  Werke  stehen  solle  oder  umgekehrt,  kommt  von  einer 
übertriebenen  und  auch  unrichtigen  Bewertung  des  Erlebnisses 
und  ist  eitel  und  müßig.  Derselbe  Geist  ist  im  Werke  und  im 
Schöpfer,  und  dieser  Geist  ist  maßgebend  und  unsterblich  und 
steht  ewig  über  dem  Erlebnis.  Alle  nur  aus  dem  Erlebnis  ge- 
borenen Werke  haben  etwas  entschieden  Chimärenhaftes  und 
werden  aus  der  Entfernung  immer  mehr  so.  Zum  mindesten 
fehlt  ihnen  durchaus  das  Eine:  die  Größe. 
^''Seitegi,  Zeile  12:  Der  Witzige,  der  Antithetische  freilich 
darf  nie  an  seinem  Geiste  gemessen  werden,  unter  gar  keinen 
Bedingungen.  Vielmehr  unterliegt  niemand  so  sehr  dem  Maß 
der  anderen  wie  er.  Niemand  richtet  sich  im  übrigen  heimlich, 
ganz  heimlich  so  sehr  nach  dem  Maße  der  anderen  wie  dieser 
Witzige,  man  braucht  sich  darum  um  niemanden  weniger  zu 
sorgen  wie  gerade  um  ihn.    Gefährlich  ist  der  Witzige  und 

109 


Antithetische  nur,  wenn  er  en  masse,  recht  eigentlich  epidemisch 
auftritt,  da  gilt  es  dann  Gewaltmaßregeln  anwenden  und  keinen 
Pardon  geben. 

^^Seite92,  Zeile  6:  Einmal  kommt  die  Chimäre  zu  Ihm 
in  der  Gestalt  der  Sadduzäer:  „Die  da  halten,  es  sei  eine  Auf- 
erstehung; und  fragten  Ihn  und  sprachen:  ,Meister,  Moses  hat  gesagt: 
»So  einer  stirbt  und  hat  nicht  Kinder,  so  soll  sein  Bruder  sein  Weib 
freien  und  seinem  Bruder  Samen  erwecken.  <'  A'un  sind  bei  uns  gewesen 
sieben  Brüder.  Der  erste  freiete  und  starb;  und  dieweil  er  nicht  Samen 
hatte,  ließ  er  sein  Weib  seinem  Bruder.  Desselbigen  gleichen  der  andere 
und  der  dritte  bis  an  den  siebenten.  Zuletzt  nach  allen  starb  auch  das 
Weib.  Nun  in  der  Auferstehung,  wessen  Weib  wird  sie  sein  unter  den 
siebend  Sie  haben  sie  ja  alle  gehabt."  Und  Jesus  antwortete  ihnen 
mit  anderem:  Gott  aber  ist  nicht  ein  Gott  der  Toten,  sondern  der 
Lebendigen.   (Matth.  22.) 

Ein  anderes  Mal  verkleidet  sich  die  Chimäre  in  eine  Mutter  und 
tritt  vor  ihn  und  richtet  die  unsterbliche  Bitte  der  Mutter  an 
Den,  für  den  es  nicht  mehr  Mütter  und  Söhne  gibt.  „Da  trat 
zu  Ihm  die  Mutter  der  Kinder  Zebedäi  mit  ihren  Söhnen,  fiel  vor  Ihm 
nieder  und  bat  etwas  von  Ihm.  Und  Er  sprach  zu  ihr:  ,Was  willst 
duV  Sie  sprach  zu  Ihm:  ,Laß  diese  meine  zween  Söhne  sitzen  in 
deinem  Reich,  einen  zu  deiner  Rechten  und  den  andern  zu  deiner 
Linken'."    (Matth.  20.) 


I  10 


INHALT 

DER  INDISCHE  GEDANKE 

Geschichte 7 

Die  Kunst 14 

Das  Opfer  (Von  der  menschlichen  Tiefe)     .                .  22 

Der  Heilige j2 

VON  DEN  ELEMENTEN  DER  MENSCHLICHENGRÖSSE 

Einleitende  Sätze 47 

Der  indiskrete  Mensch 51 

Der  Kreis 57 

Das  Kreuz 67 

Das  Maß 76 

Der  Gott  und  die  Chimäre 86 

NOTEN  ZU:  DER  INDISCHE  GEDANKE       ....  94 
NOTEN  ZU:  VON  DEN  ELEMENTEN   DER  MENSCH- 
LICHEN GRÖSSE 100 


Druck  von  Fr.  Richter  in  Leipzig 


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